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2 (1926) Sicht in Vorzeit und Mittelalter
Entstehung
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GEIST UND FORM DER MINNEDICHTUNG

Wir müssen annehmen, daß der Sinn für die Poesie in jener Zeit ebenso innigals empfänglich und vielumfassend war; jeder dieser Gegenstände bildeteeine eigene poetische Welt um sich, ohne eine andere stören zu wollen, undalte Tradition, Liebe und Religion vereinigten die verschiedensten Gemüterzu einem Interesse. Der Ritterstand verband damals alle Nationen in Europa,die Ritter reisten aus dem fernsten Norden bis nach Spanien und Italien,die Kreuzzüge machten diesen Bund noch enger und veranlaßten ein wunder-bares Verhältnis zwischen dem Orient und dem Abendlande, vom Nordensowie vom Morgen her kamen Sagen, die sich mit den einheimischen ver-mischten, große Kriegsbegebenheiten, prächtige Hofhaltungen, Fürsten undKaiser, welche der Dichtkunst gewogen waren, eine triumphierende Kirche,die Helden kanonisierte, alle diese günstigen Umstände vereinigten sich, umdem freien unabhängigen Adel und den wohlhabenden Bürgern ein glänzendesLeben zu erschaffen, in welchem sich die erwachte Sehnsucht ungezwungenund freiwillig mit der Poesie vermählte, um klarer und reiner die umgebendeWirklichkeit in ihr abgespiegelt zu erkennen. Gläubige sangen vom Glaubenund seinen Wundern, Liebende von der Liebe, Ritter beschrieben ritterlicheTaten und Kämpfe, und liebende, gläubige Ritter waren ihre vorzüglichstenZuhörer. Der Frühling, die Schönheit, die Sehnsucht, die Fröhlichkeit warendie Gegenstände, welche nie ermüden konnten, große Waffentaten und Zwei-kämpfe mußten alle Hörer hinreißen, um so mehr, je unglaublicher und um-ständlicher sie geschildert waren, und wie die Pfeiler und die Wölbung derKirche die Gemeine umfingen, so umgab die Religion als das Höchste dieDichtung und die Wirklichkeit, unter der sich alle Herzen in gleicher Liebedemütigten. Die Dichtkunst war kein Kampf gegen etwas, kein Beweis,kein Streit für etwas, sie setzte in schöner Unschuld den Glauben an dasvoraus, was sie besingen wollte, daher ihre ungesuchte, einfältige Sprache indieser Zeit, dieses reizende Tändeln, diese ewige Lust am Frühling, seinenBlumen und seinem Glanz, das Lob der schönen Frauen und die Klagen überihre Härte, oder die Freude über vergoltene Liebe. Kein Gedanke, kein Aus-druck ist gesucht, jedes Wort steht nur um sein selbst willen da, aus eigenerLust, und die höchste Künstlichkeit und Zier zeigt sich am liebsten als Un-befangenheit oder kindlicher Scherz mit den Tönen und Reimen.So wie der Gegenstand der epischen Gedichte sehr mannigfaltig war, so findetman eben auch unter den lyrischen, neben den Gedichten der Sehnsucht undLiebe, Gebete und Lieder religiösen Inhalts, sowie moralische Betrachtungenoder Einfälle, die sich auf die Zeitumstände beziehen, ja, die Dichter ver-schmähen es nicht, Vorfälle aus dem gemeinen Leben darzustellen, komischeBegebenheiten zu singen, oder unanständige Scherze und Zweideutigkeitenin Reimen zu sagen. Doch geschieht dieses mehr in der letztern Zeit, so wiesich auch in dieser die moralischen Gedichte vermehren.Diese Freiheit des Gemütes, diese schöne Willkürlichkeit, welche sich nicht aus-schließlich und mit ängstlichem Vorurteil an einen Gegenstand heftet und sichdadurch unfähig macht, andere zu genießen und zu verstehen, zeigt sich allent-

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