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2 (1926) Sicht in Vorzeit und Mittelalter
Entstehung
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Teil aus griechischem Blute entsprossen waren, zu Ende ging, sangen dieTroubadours, jene wunderbar begeisterte Generation, der die Natur selbst,wie den Singvögeln, die Gabe des Gesanges verliehen, und die himmelan sichschwingend in den geklärten Äther, zuerst die kommende neue Zeit mitihrem Morgengesang begrüßten. Wilhelm Graf von Poitou führte den Reigen,nachdem eine Menge minder berühmter Künstler vorangegangen, und esfolgte nun ein Drängen und ein feierlicher Zug aus allen Ständen; Priester,Laien, Könige, Herzöge, Ritter, Frauen, alles stimmte in den Dithyrambusein: als hätte ein Zauberstab das ganze Geschlecht berührt, alle fuhren inschöner Begeisterung auf, und die Chöre zogen jubelnd, den Thyrsus schwin-gend, zwei Jahrhunderte lang durch die Wälder, Burgen, Städte, und alleEchos waren wach geworden, und alle Stummen der Erde hatten ihre Sprachegefunden, und es war ein Wogen und ein Rauschen und ein Schlagen derGesangeswellen, als hätte ein harmonischer Tonstrom die Zeit ergriffen. Esbrach das Zarte durch die Roheit, und die Liebe durch den Sinnestrieb, unddie Religion durch die Weltlichkeit und des Lebens Überfülle; in freier Un-gebundenheit spielte der Witz sein frivoles Spiel, und alle die Richtungenschössen durcheinander, wie beim Teppichwirken das Weberschiff durch dieaufgezogenen Fäden fährt; die bunten Bilder aber, die sich wirkten, fielenauf die Erde und wurzelten in ihr und wurden neue, phantastisch seltsamzusammengesetzte Blumen. Was so im Übermute der Begeisterung und imfreudigen Lebensrausche sich gebildet, das faßten die Herolde der Dichtkunstauf, und die Conteurs zogen im Land um und deklamierten die Gedichte, unddie Jongleurs stellten sie mimisch und dramatisch dar, die Menetriers aberstatteten sie mit dem Zauber der Tonkunst aus. In der Poesie aber hatte sichaller Unterschied der Stände ausgeglichen; die Liebe schlug wie Himmelsblitzaus der Höhe in die Tiefe nieder und zog sich wie ein Erdenblitz aus denTiefen funkelnd, sprühend, schimmernd an den erhabenen Gegenständenhinauf, und die Schönheit im Geschlechte fühlte sich eng mit der Schönheitin der Kunst befreundet, und ein Kranz der Freude und der Fröhlichkeitschlang sich um den Sänger und seines Herzens Liebe her. Auch die Poesiedaher war wieder dankbar und ergeben dem Geschlechte; gern mochte sieder Schönheit, als der höchsten Instanz in Geschmack und Angelegenheitender Liebe, huldigen, und so traten denn die Minnegerichte in der Zeit hervor;und es waren nicht Pedanten, die in kritischen Blättern die Kunstgebildemit plumper Faust zerpflückten, zarten Händen war die Pflege anvertraut,und was aus warmem innerem Leben hervorgequollen war, fand auch wiederwarmes Leben außen vor, von dem es freudig aufgenommen und geborgenwurde. So hatte die Sirene der neuen Zeit in diesem Land begonnen, undob den Tönen erwachten nun auch die Sirenen, die rund umher in den andernGebirgen schliefen; sie fielen in die Akkorde ein, und schwellend erhobensich die Gesänge und fluteten, immer weitere Kreise schlagend, über denganzen Weltteil hin. (Joseph von Görres, Die teutschen Volksbücher, Nach-wort, 1807.)

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