Druckschrift 
2 (1926) Sicht in Vorzeit und Mittelalter
Entstehung
Seite
135
Einzelbild herunterladen
 

monumentaler Brunnen, an welchem Schwäne Wasser speien; er trägt dieInschrift:

Das Wasser gibt den Pflanzen Saft,

Das Wasser mehrt der Tiere Kraft,

Das Wasser wascht die Seele rein,

Daß kein Engel im Himmel mag lichter sein."

Ein sangeskundiger König Maximilian II. von Bayern hat diesen Brunnenerrichten lassen; die Verse sind aus dem Parzifal, und das Städtchen istEschenbach, die Geburtsstätte Wolframs von Eschenbach, des größten deut-schen Epikers im Mittelalter. Er war, wie er selber sagt, ein Bayer Eschen-bach lag im bayerischen Nordgau, hart an der Grenze Frankens. Von denbeiden andern großen Epikern, welche Wolfram zunächststehen, Hartmannvon der Aue und Gottfried von Straßburg, stammte der erste aus Schwaben,und seine Wiege stand nicht weit vom Hohenzollern und Hohenstaufen(Reichenau), und der zweite, wie schon sein Name besagt, aus Alemannien.Wir könnten noch den Franken Konrad von Würzburg, den AlemannenRudolf von Hohenems und andere hinzufügen; allein wenn wir auch denKreis literarhistorisch bekannter Namen erweiterten, dann kämen wir dochnicht weit über den Westen Süddeutschlands hinaus, wo der schwäbische,bayerische und fränkische Stamm aneinandergrenzen, und wo das Gebietder oberen Donau dem oberen Rheingebiet so nahe rückt: hier war die eigent-liche Heimstätte der ritterlichen Epik. (Wilhelm Heinrich Riehl, Nord undSüd in der deutschen Kultur, 1885.)

DIE TROUBADOURS

Frankreich, im Herzen Europas liegend, hatte frühe schon auch des HerzensDienst versehen, es hatte zum Chorführer in dem Feiertanz der neuerenZeiten sich erhoben. Geschieden noch in eine Reihe selbständiger Provinzen,deren jede ihrem eignen Genius folgte und nicht geschmiedet war an gleichesMaß und Gewicht einer herrschenden Verfassung, hatte es mit allen Völkerndadurch Berührungspunkte; der rege Trieb, der von ihm ausging, verbreitetesich daher über die andern hin, und es faßte schnell wieder die Impulse auf,die von außen ihm geboten wurden. Die lateinische Sprache, in den früherenZeiten als allgemeine Sprache herrschend, beförderte dabei unendlich diesenwechselseitigen Verkehr, und an ihr kristallisierten sich dann späterhin dieeinzelnen Idiome, jedes in dem Geiste des bildenden Volkes, an, die daheralle von ihrer Gründung her in diesem Medium zusammenhingen. So ge-staltete sich zunächst in jenem schönen Südlande, das im ältesten Altertum,wo Griechenland im vollen Sonnenschein der Poesie und aller Künste stand,an der Dämmerungsgrenze lag und schon an einem Reflexe des Lichtes sicherquickte, als noch der ganze Norden in tiefem Dunkel begraben war, dieromantische provengalische Sprache, und gegen das Ende des zehnten Jahr-hunderts, da eben das barbarische Heldenzeitalter für diese Ritter, die zum

135