strebten sie vorwärts, und ich wage sogar die Gunst der dem hochdeutschenStamme vorzugsweise beschiedenen Herrschaft in Anschlag zu bringen, umdaraus den Eintritt der zweiten, gleich unbewußt erfolgenden Lautverschie-bung herzuleiten. Bei der Geschichte der Bildung aller Sprachen darf dieder Völker selbst niemals außer acht gelassen werden, und es ist leicht wahr-zunehmen, daß der Rede geistiger Fortschritt überhaupt abzuweichen scheintvon der älteren Sprache leiblicher Vollendung; nicht umsonst sehen wirsiegenden und herrschenden Völkern eben den Dialekt einer Sprache eigen,der sich von ihrem früheren Standpunkt am weitesten entfernt hat. WelcherSchaden ihnen daraus hervorgehen mag, sie wissen dafür andern Ersatz zubereiten. (Jakob Grimm, Geschichte der deutschen Sprache, 1848.)
DICHTER DES MITTELALTERS
An der Außenwand des Chores der Neumünsterkirche in Würzburg stehtein neuer Grabstein, den eine weiße Marmorschale schmückt, auf deren Randgemeißelte Vögel sitzen und Futter picken. Der Stein wurde zum Ersatz eineszerstörten älteren errichtet, welcher bei Menschengedenken noch im Kreuz-gange lag und durch vier tief eingehauene Löcher bezeichnet war. Nacheiner alten Stiftung sollte den Vögeln täglich Futter in diese Löcher gestreutwerden. Allein die Vögel wurden vergessen samt der Stiftung, und der Steinverfiel — er deckte das Grab Walthers von der Vogelweide, des größten deut-schen Lyrikers des Mittelalters, der hier gestorben ist. Als Walthers Geburts-ort bezeichnet man neuerdings den Vogelweidhof bei Brixen in Tirol, undseit die Tiroler glauben, daß Walther ihr Landsmann sei, haben sie eine ganzeWaltherliteratur zutage gefördert und auch nach anderen tirolischen Minne-sängern gespürt und eine Menge alter Dichternamen neu ans Licht gezogen.Lebte doch auch Oswald von Wolkenstein, der letzte namhafte Minnesänger,in Tirol und liegt zu Brixen begraben, wo sein schöner alter Grabstein nochheute zu sehen ist.
Im Süden und Westen Deutschlands erschallte der Minnegesang am reichstenund vieltönigsten. Man denke sich eine Linie von Wien über Thüringen biszum Niederrhein und zur Scheidemündung, vom „minniglichen Hof zu Wien",wie man im dreizehnten Jahrhundert sagte, über die Wartburg, die Wal-statt des Sängerkrieges, bis nach Flandern hinüber. Diese Linie scheidetwestwärts das weite Landgebiet ab, in welchem die größte Sangesherrlichkeitder höfischen Literaturperiode herrschte und mit dem Gesang die poesie-vollste Kultur des Rittertums. Hier reichte im äußersten Westen der deutscheSänger dem französischen Trouvere die Hand. Auf den nord- und ostdeutschenBurgen aber war es weit stiller, ,,als einst so hell vom Stauten die Ritterharfeklang".
Nicht weit von Ansbach liegt ein kleines Landstädtchen, im Innern heute fastwie ein Dorf anzuschauen. Aber die aus starken Quadern gefugten Restealter Türme und Mauern und eine stattliche gotische Kirche am Marktplatzbezeugen, daß der Ort einst ein bedeutender war. Auf dem Markte steht ein
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