Die Zeit war nicht mehr das fließend-unendliche oder ewigwiederkehrendeWeltenjahr, sondern die zwischen Schöpfung, Erlösung und jüngstem Taggedehnte, überschaubare Bahn für das Schicksal der menschlichen Seele —aber dennoch blieb vor und nach dieser Schöpfungszeit die Ewigkeit Gottesund des „seligen" Lebens. Der Raum war nicht mehr das undenkbar-grenzen-lose, von Ergießungen strömende oder vom Kampf der Äonen erfüllte zwie-gespaltene Reich, sondern der gottgeschaffene Platz, auf dem sich der Kampfdes Menschen mit den ihm verliehenen und den ihn umwerbenden Kräftenzum Ruhme Gottes entscheiden sollte, der von Himmel und Hölle umsäumtePlan, der nach dem Ende des Kampfes verschwinden würde — aber dennochblieb als Eigenschaft Gottes die Unermeßlichkeit des Jenseits, blieben vor undnach dem Schöpfungsraum die ewigen Gegensätze von Licht und Finsternis,seliger Ruhe und rastloser Qual. Die Gottheit war nicht mehr das unerreich-bare bildlose Schweigen, sondern Einer geistigen Wesenheit drei Personen mit be-sonderem, dennoch ungeschiedenem Tun der drei, die sich persönlich und den-noch ungespalten offenbarten: der Vater als Schöpfer, Regierer und Erhalter,der Sohn als Erlöser, Mittler und Richter, der Geist als heiliger Erwecker undTröster. Dieser Dreieinige, niemals Verschollene, sondern im Volke und LandeIsrael seit Beginn der Tage Erkannte, noch immer Geglaubte, war der erhabeneHerrscher nicht des Imperiums, sondern des Weltalls selbst, nicht der ver-götterte Cäsar, sondern Gottvater von Ewigkeit her, nicht eine der Sohnschaftender Äonen, sondern Gott-Mensch im eingeborenen Sohne, nicht der großeunnahbare, unbekümmerte Nus, sondern erschienener Gottesgeist im Feuerder Heiligung. Er war herabgestiegen, aber nicht die gefallene Sophia nochdie mannweibliche Barbelo war seine Mutter, sondern die menschliche Jung-frau, nicht die Hyle sein Leib, sondern Fleisch des Menschen, nicht der Kampfder Sphären sein Leben und Leiden, sondern das unsere des Menschen. Erhatte alle Welten und Götter erschaffen, die Macht über alle Dämonen derLuft, Erde und Unterwelt, die Schlüssel aller Geheimnisse waren in seinerHand, und er allein hatte die Kraft, den Urfluch zu sühnen, die Menschenzu erlösen, die Seelen zu heiligen und zum Lichte zu führen, er, der den Todauf Erden gebändigt hatte, konnte ihn selbst im tränenlosen, noch nie durch-brochenen Hades fesseln und ihm den entsühnten Raub entreißen. Unddennoch blieb für die Dauer der Tage der Kampf zwischen droben und drunten,es blieben zu Engelshierarchien gewandelt die Reiche der Planeten- undÄonengeister, zu Teufelsstufen gewandelt die Götter- und Dämonenscharen,und als vergängliche aber lockende blendende Sinnenwelt der tiefwogige Ur-stoff der Welt. Aber Kampfplatz und Kampfziel waren von nun begrenzt:die menschliche Seele, Gesetz und Ungesetz von nun an bestimmt: das christ-liche Gut und Böse, Waffen und Wehr die immer gleichen unbedingten: diechristlichen Mittel des Heils.
Nicht den Triumpf des entschiedenen Sieges, mehr jenes Sichwandeln, Sich-mischen und Sondern spiegeln unsre Lieder, die noch voll sind von helle-nischen Sinnbildern und Gestalten, gnostisch-neuplatonischen Erkenntnis-weiten, ägyptisch-orientalischen Mysterien, vom Zauber der Stoff- undDämonenwelt des Simon Magus, der Hetäre gewordenen Helena letzten
9 Wolters: Der Deutsche. II. Ton