und nicht mehr der söhnezeugende Schoß sondern das ewengebährende Allnahm sie auf. Mit den besonderen völkischen Kräften waren auch die geistigenWiderstände geschwächt, und eine furchtbare Doppelgefahr stieg für denMenschen der Grenzen zwischen Süd- und Nordmeer auf, die der hellenischeWächter an den Pforten Asiens bis dahin gebändigt hatte: Sprengung allersinnlichen Maße und Zwiespaltung des einigen Lebens.
Der von Plotin und seinen Folgern noch in Zahlen und Denkgebilden ge-gliederte, wenn auch unendlich ins Übersinnliche gehobene Kosmos wurdegerade von den an Ost und West genährten Kulten, wurde gerade von denebenso genährten christlichen Sekten der Gnostiker und Manichäer ins Maß-losweite Überschwüngen. In hemmungslosen Gedankenbauten türmten sieSphären auf Sphären über die sichtbare Welt und über die Sphären Äonen undüber Äonen schweigende Himmel und über das Schweigen nichtseiendesSein: „Erstaunlich ist", rief Tertullian über die Valentinianer, „wie vieleHöchstheiten der Höchstheiten, wie viele Erhabenheiten der Erhabenheitensie zum Wohnraum eines jeden ihres Gottes gewölbt, emporgespannt underhoben haben". Vor den unzähligen unermeßlichen Räumen des über-sinnlichen Seins schrumpfte das Schmuckstück der sinnlichen Welt mitallen Gewächsen, all seinen sichtbaren Sternenleuchten zum unbedeutendenPunkt zusammen. Das Maß der Dinge lag jenseits ihrer Erscheinung. Mitdieser ersten Gefahr verband sich die zweite: der noch immer erhaltene, wennauch in vielen Stufen des Ab- und Aufstiegs geteilte Kreislauf von Geist undStoff wurde ganz gesprengt, in feindliche ewig unvereinbare Hälften aus-einandergebrochen. Der guten des Geistes stand die böse Welt des Stoffesentgegen, und diese blieb nicht mehr die unvollkommene ungestaltete aberhinaufläuternde der späten Griechen, sondern wurde die furchtbare Macht,wie sie die Perser gesehen: die Feindin, der Verderben nährende Dämon, dieGeister und Seelen kettende Finsternis, aus der es für den gefesselten Geist nurRettung gab durch Abtötung des ihr Gehörigen: des Leibes, des irdischen Tuns,der ganzen an den blühenden Ufern des Mittelmeers noch immer schön ge-glaubten sinnlichen Welt. Für immer drohten die Kräfte des Lebens zwie-gespalten auseinander zu fliehen.
Aber diese Gefahren waren in Christus und durch ihn schon gebändigt, unddie ihm folgten, waren der Einheit des neuen Lebens, der Maße des Tuns undLassens und der Stellung zu Gott und Welt, Kaiser und Reich gewiß. Daskatholische Christentum hatte durch Jesus von Nazareth den unverbrüch-lichen Glauben, die unbedingte Hoffnung, die alldurchdringliche Liebe, dieaufsteigenden und aufwärts reißenden Kräfte des geistigen Wirbels erhalten,die das Erstarrte, Verwelkende, Schweifende abstießen, das Verwandelbareder alten Welt sich selbst in ihm verwandelnd und gestaltend mit sich rissenund aus den alten Kultur- und frischen Naturvölkern das junge Volk, ausden alternden und beginnenden Geschlechtern das neue Geschlecht erschufen.Dieses formte sich ihnen einformend in den ersten vier Jahrhunderten diegroßen strömenden Bewegungen des Morgen- und Abendlandes, begrenzteZeit und Raum und Gestaltung der weitgeöffneten Welt und füllte so ihreganze Tiefe durch die neue Spannung der menschlichen Seele aus.
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