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2 (1926) Sicht in Vorzeit und Mittelalter
Entstehung
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Gatten bis zu Faust, der ihren Schatten beschwor. Die alten griechischenMetren, die hebräischen Doppelsprüche der Psalmen, die syrischen Vierzeilerfüllten sich jetzt mit dem leidenschaftlichen Feuer der Agape, in dem damalsnoch mehr die eifernde Minne eines Gottes und Meisters, als die mildumhüllendeLiebe der Mutter strömte :liie neue Glut riß auch die Bilder der untergehendenWelten mit in den dichterischen Gehalt, strahlte sie noch einmal mit erhöhen-dem Glänze an und ließ selbst dort, wo sie im Gegensatz abgestoßen wurden,dieSchatten der Träume" noch deutlich als das ehemals geliebte Schöneerscheinen, von dem die Seele nur schmerzlich Abschied nahm mit dem erstenleisen Wehruf, der im deutschen Geiste seit anderthalb Jahrhunderten stärkerund stärker wieder aufhallt:

daß dies mußt untergehn!Daß nach dem furchtbaren fugLeben am leben erstirbt!

Durch den Gesang der christlichen Dichter wirkte das leibliche Maß vonHellas in der neuen Spannung der Seele geistig weiter und half gegen dasUnmaß der Verflüchtigung, Verdüsterung und Kasteiung des Orients nocheinmal Ort und Grenze setzen. Zuerst, so verteidigte Gregor von Nazianzdie Dichtung gegen die Eiferer der Weltflucht, wollte ich durch sie meineMaßlosigkeit fesseln, dann durch Kunst der Jugend das Bittere der Geboteversüßen und sie zum Höheren leiten, durch sie wetteifern mit dem Gesangder Heiden und endlich einem greisen Schwane gleich mir durch der FlügelPfeifentöne nicht einen Trauergesang, sondern einen tröstenden Auszugs-hymnus zusprechen lassen. Denn schon Apostel hatten ja Jubellieder undLobgesänge zu Gott emporgesendet und Paulus zu geistlichen Psalmen, Hym-nen und Oden ermuntert. Plinius und Lukian wissen im zweiten Jahrhundert,daß die Christen im Wechselgesang ihrem Gotte Loblieder singen.Mannfür Mann werdet zum Chore", rief Ignatius von Antiochien den Ephesernzu,damit ihr in Eintracht zusammenstimmend und einmütig anhebendGottes Lied aus einem Munde lobsinget durch Jesus Christus dem Vater".Tertullian will die Jüngeren durch den Gesang heiliger Lieder erproben, wiesie vom Weine des Geistes getrunken hätten, oder er fordert, das gewandelteOpfer ins Geistige umdeutend, von den Seinendas Opferlamm, das vonganzem Herzen geweiht, durch Glauben genährt, mit Wahrheit gepflegt, anUnschuld fehllos, durch Keuschheit rein sei, im Kranze des Liebesmahlesmit dem Festzuge der guten Werke unter Psalmen und Hymnen zum AltareGottes zu führen". Die Kirchenväter und Märtyrer, die Lehrer und Bischöfeund auch die Häupter der Sekten selber sind die Sänger oder rühmen dieheiligen Lieder als die Erwecker und Beschwinger der Seele. Der himmlischeHymnus des Wortes Gottes, der Gesang der Engel, der Chor um den Ewigenverdrängte, wie Clemens von Alexandria in seiner Ermahnung an die Griechengefordert hatte, langsam den altenSirenengesang". (Friedrich Wolters, Lob-gesänge und Psalmen, 1923.)

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