Bild des ewigen Vaters, des Sohnes Gottes und seiner Mutter, der heiligenJungfrau, ausgemalt und in das letzte insonderheit ein hohes Ideal weib-licher Tugend, alle Grazie ihres Geschlechts geleget. Jungfräuliche Keusch-heit, Huld und Anmut, eine sich selbst unbewußte Hoheit und Würde, mütter-liche Liebe, schweigende Geduld, Großmut, Hoffnung, endlich ein stillerDank- und Freudengenuß jenes überschwenglichen Lohns, dessen sich dieWohltätige jetzt in Ewigkeit wert macht — alles dies ward nach und nachvon der dichtenden Andacht in sie gesenkt, in ihr besungen und gepriesen.Der Wert der Heiligen, die Märtyrer waren, scheinet von geringerer Art,die Tapferkeit der Seele aber, die um des Bekenntnisses der Wahrheit willenLeiden erträgt und Martern erduldet, jene stille Großmut, die verkannt ein-hergeht, die Reichtum, Wollust und niedrigen Ruhm verschmäht, unbilligeVerachtung, Schmach und Hohn für nichts achtet und dennoch wohlzutunfortfährt, die Heiterkeit der Seele endlich, die, durch Einfalt, Unschuld, Zu-versicht und Erfahrung bewährt, in der Wolke des Todes den offenen Himmelsieht und das Lied der Vorangegangenen hört, eine Andacht dieser Art istmehr als eine Heldenwürde von außen. Und es sangen sie so viele Hymnen,so prächtige Kanzonen! (Johann Gottfried Herder, Ideen zur Geschichteund Kritik der Poesie und bildenden Künste, 1794—96.)
BEGINN DER CHRISTLICHEN DICHTUNG IN GRIECHENLAND
Die griechischen Weisen, die feinsten frühesten Spürer und Heger der Wand-lung, hatten den Geist der Mittelmeervölker geschmeidig genug gemacht, auchdas Fremdeste einzuschmelzen, auch die Grenzenlosen des Ostens aufzu-nehmen, ihre Schau hatte tief genug geblickt, auch das „Jenseits des Seins"zu ahnen, und wenn sie — noch zu unserem Heile — niemals die Trennungvon Gott und Welt, Geist und Stoff, Seele und Körper wie die östlichen biszum klaffenden feindlichen Zwiespalt führten, so sahen doch ihre Folger inunsern Jahrhunderten schon tief unter dem Geiste die niedere stoffliche Welt,tief unter der Seele den sinnlichen Leib und einige von ihnen mit Piaton selbsttief unter der Erde den Ort der Qualen für irdische Schuld. Die Götter warendem Stoiker zum Spott, dem Neuplatoniker zur Allegorie geworden: der großeGeist überherrschte das All, und der Grieche war Bürger der Welt geworden.In diese geweiteten Gefäße des hellenischen Menschen und römischen Reichesalso strömten die östlichen Kulte ein — und mit ihnen das Christentum. Siealle vermischten sich mit dem römischen Reiche und dem Kaiserkult, siegönnten Augustus die Weihrauchkörner auf dem Altare des Staates — außerdem verachteten Jahvekult und dem verhaßten Christentum. Hierin schiedsich der neue Glaube zuerst aus der brodelnden Mischung der Spätzeit, fürdiese Weigerung litten die neuen Gläubigen Marter und Tod, und die frühestenLieder sangen davon und wußten, daß darin keine Gefahr als für Laue undSchwache lag: der lebendige Glaube trank das vergossene Blut wie stärkendenWein. Aber alle Kulte und auch das Christentum vermischten sich mit denGedanken und Schauungen griechischer Weisheit, sie trafen ja auf die Olym-pische Welke, die Gestaltenwelke, die sie selber vom Osten in sich trugen,
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