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2 (1926) Sicht in Vorzeit und Mittelalter
Entstehung
Seite
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Die Gegnerschaft saß zu tief, der Kampf war mitnichten ausgetragen. Öster-reich fürchtete, nicht nur die Aare, sondern auch den Schwarzwald und dasElsaß zu verlieren, und suchte Hilfe wider die Unersättlichen, die ihre Handschon über den Jura streckten. Da lächelte ihm ein Ehebündnis mit demHause Burgund. Leopold III., der Sohn des Helden von Sempach, führteKatharina, die Tochter Philipps des Kühnen, heim. Diese Heirat stärkteHabsburgs Kraft im Kampfe um seine erschütterte Macht, barg jedoch eineneue Gefahr, denn Katharina erhielt die österreichischen Besitzungen vorder Burgunder Pforte als Morgengabe zugesprochen.

Als Herzog Leopold im Jahre 1406 der Herrschaft über die österreichischenVorlande zugunsten seines Bruders Friedrich entsagte, ergriff die 27 jährigeBurgunderin selbst von den Landen Besitz, die im Ehevertrag aufgezähltwaren, und legte ihre zarte Hand mit festem Druck auf die HerrschaftenHericourt, Beifort, Delle, Maasmünster, Pfirt, Altkirch, Ensisheim, Landser,Ortenberg und Rothenburg. Die Schlüssel der Burgunder Pforte klirrten amGürtel einer Frau!

Da schlug der Tod seine Hand dazwischen und wendete alles neu. HerzogLeopold starb im Jahre 1411 ohne Leibeserben, und die elsässischen Unter-tanen Katharinas erhoben sich gegen die welsche Herrschaft. LeopoldsBruder Friedrich nützte die Lage rascher als das Haus Burgund. Er schloßmit der bedrängten Witwe einen Vertrag, der ihm die Erbfolge im Sundgausicherte, und half ihr dadurch zu ruhigem Regiment, sich zum Erbe seinesBruders und dem Reiche zur Erhaltung der Burgunder Pforte. Als die stolzeFrau im Jahre 1426 starb und in der Gruft zu Dijon gebettet wurde, erschiendie Gefahr eines Einbruchs der burgundischen Macht in das oberrheinischeStromgebiet noch einmal beschworen. (Hermann Stegemann, Der Kampfum den Rhein, 1924.)

LÖSUNG DER MITTELALTERLICHEN EINHEIT

Im gotischen Höhepunkt christlicher Triebkraft lag zugleich die Wende, derBeginn jener langsamen, kaum erst bemerkbaren Lösung und Entspannungder Kräfteeinheit eines Halb Jahrtausends, lag nicht nur der Einbruch einesfremden, wenn auch noch gestalteten und heimatlich verwandelten Elementes,sondern eine rechnerische Übersteigerung der Bewältigung des Raumes, dieder bisherigen rein im künstlerischen Maße beruhenden Raum- und Stoff-bezwingung des rheinischen Geistes widersprach und das erste Zeichen einerErschöpfung des christlichen Kosmos war. Nur durch Umschlag ins Phan-tastische, das heißt durch weitere Entspannung, war die Ausmerzung diesesFremden und Rechnerischen möglich, und wie in der Mystik die Seele gestalt-flüchtig und normfeindlich die scholastischen Gewölbe und Mauern derKirche zu sprengen suchte, so folgte der hohen Gotik am Rhein jene eigen-tümliche Zerlösung und Verkehrung der Formen, in der die Kirche zur fest-lichen Halle, das Maßwerk zu ästigen Schlinggewächsen oder flammig-gedrehten Ringeln wird, die spitzen himmelanstrebenden Bogen sich wie amspäten Helmbau des Straßburger Münsters im Sturze nach unten zur Erde

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