und slawischen Norden Europas zum ersten Male das volle Gewicht einerwaffenkundigen deutschen Handelsmacht entgegenstellen sollte, und welchebefähigt war, für die nächsten Jahrhunderte die Herrschaft über die baltischenGewässer zu beanspruchen. —
An die Spitze des Bundes trat aber schon jetzt die freie Reichsstadt Lübeck,die seit dem Tage bei Bornhöved von Jahr zu Jahr an innerer Kraft undäußerer Bedeutsamkeit gewonnen hatte. Schon zählte ihre Flotte zu denmächtigsten im ganzen baltischen Norden. Wo sich die weißen, rotbekreuztenWimpel ihrer Kriegsgeschwader zeigten, verbreiteten sie Furcht und Schreckenbei dem Gegner. Auf der Reede von Rostock hatten die Lübecker Koggenim Jahre 1234 sich zum ersten Male im offenen Seekampfe mit den dänischenOrlogsschiffen gemessen und nach einem Gefechte, das von der Frühstundebis zur Vesper währte, einen vollständigen Sieg davongetragen. FünfzehnJahre später wehten ihre Kriegsbanner bereits an den Küsten Seelands.König Erich von Dänemark hatte durch willkürliche Maßregeln den Handelder Lübecker gestört; alsobald stieß ihre wohlbemannte Flotte in See: Kopen-hagen ward genommen, das Schloß zerstört, Seeland und die umliegendenInseln verwüstet.
Mit diesen Erfolgen zur See ging die politische Machtentwicklung LübecksHand in Hand. Immer weiter dehnte sich sein Einfluß im Norden Deutsch-lands und an den Ostseeküsten aus. Schon waren nahe an dreißig baltischeStädte mit lübischem Rechte bewidmet, die alle sich dem lübischen Oberhofeunterordneten. Als sich um das Jahr 1292 die deutsche Kolonie zu Nowgorodnach einem Gerichtshofe im Mutterlande umsah, an den von dort aus instreitigen Fällen appelliert werden könnte und dessen Urteile dann für alleTeile entscheidende Kraft haben sollten, vereinigten sich nebst Riga sieben-undzwanzig sächsische, westfälische und rheinische Städte dahin, daß dasZugrecht vom Hofe zu Nowgorod fortan nur nach Lübeck stattfinden solle.Zu den dortigen Messen strömten die Fremden von nah und fern herbei. ImAnfange des vierzehnten Jahrhunderts muß die Stadt bereits über fünfzig-tausend Einwohner gezählt haben. Dort traten auch zumeist die Abgeordnetender Bundesstädte zur Tagefahrt zusammen, um ihre inneren und äußerenAngelegenheiten gemeinschaftlich zu regeln. Waren dann Streitigkeiten mitfremden Mächten oder im Bunde selbst zu schlichten, so lag vornehmlichLübeck die Sorge ob, aus seiner Mitte erprobte Unterhändler und rechts-kundige Richter zu Vermittlern aufzustellen. Und was war alles zu beschaffenund zu ordnen in jenen Zeiten, wo sich soeben erst die notdürftigsten Grund-lagen für einen geregelten See- und Landverkehr im europäischen Nordengebildet hatten! Welch vielseitiges Leben lebte da ein Johann von Donai,ein Heinrich Wullenpund, ein Vromold von Vifhusen und andere jener lübi-schen Ratsmänner, die, eingeweiht in alle merkantilen und politischen Ge-heimnisse der baltischen Handelswelt, bald zu Brügge im Namen des gemeinendeutschen Kaufmannes eine neue Wegeordnung herstellen, bald in Revalschiffbrüchige Güter aus fremder Herren Hand befreien, bald mit den FürstenSkandinaviens Verträge schließen, bald für die Nowgorodhändler auf derNewa ungehinderte Fahrt erwirken mußten! Überall, wo es galt, Mißbräuche
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