sich den wütenden Angriffen der Polen entgegenzustemmen gesucht. Aberdie Übermacht des Feindes war zu groß gewesen. Nirgends hatten die Deut-schen, nachdem das Glück sie einmal verlassen, sich zu halten vermocht.Die Blüte des Ordensheeres war gefallen, die Leichen der vornehmsten Führerdeckten die Walstatt, den Hochmeister Ulrich von Jungingen selbst hatteinmitten des heftigsten Kampfgewühls ein tödliches Geschoß getroffen. Dasgroße Ordensbanner sowie das reiche Lager der Deutschen kam in die Händeder Sieger, die ihrerseits, wenn man den späteren Berichterstattern glaubendarf, sechzigtausend Tote zählten.
Die Kunde von diesem namenlosen Unglücke verbreitete im ganzen Ordens-gebiete tiefe Trauer und Mutlosigkeit. Die besten Kräfte des Landes warenaufgeboten worden, und nur wenige Stunden hatten hingereicht, um alleszu vernichten. An neue Opfer war nicht zu denken, die letzten Widerstands-mittel waren erschöpft. Als daher der Polenkönig jetzt mit seinen Heeres-massen gen Norden aufbrach, um sich Marienburgs, der Hauptfeste desOrdens zu bemächtigen, zeigte sich nirgends ein Feind, der ihn am Vor-rücken gehindert hätte. Weit und breit zerstreuten sich die ihnen verbündetenHilfstruppen, um ungestraft zu rauben und zu plündern. Ohne Schwert-streich ergaben sich die vornehmsten Burgen und Festen des Landes. Gesetzund Gehorsam schienen aufgelöst im ganzen Ordensstaate. Von allen Seiteneilten die weltlichen und geistlichen Machthaber herbei, um dem fremdenSieger zu huldigen. „Noch nie", schreibt ein Zeitgenosse, „ward in irgend-einem Lande von so großer Untreue und so schneller Wandelung gehört".(Kurd von Schlözer, Verfall und Untergang der Hanse und des deutschenOrdens, 1853.)
DEUTSCHE STÄDTE UM 1200
Am mannigfaltigsten, wie die staatsrechtlichen Gestaltungen des ganzenLandes überhaupt, bildeten sich die Zustände und Rechte der Städte in Deutsch-land heraus. Der Ursprung einiger derselben, zumal der bedeutenderen amRhein, geht in die Zeiten der Römer zurück, aus denen einzelne Einrichtungenund Berechtigungen den unermeßlichen Umschwung der Dinge, durch dieEinwanderungen und das Christentum herbeigeführt, dürften überdauerthaben. Viele der jetzigen Städte entstanden durch Ansiedlungen um bischöf-liche Kirchen, Klöster, Stifte, oder um Pfalzen, an denen die Kaiser häufigerverweilten, um die Höfe der nachmaligen großen Reichsbeamteten, an denStammsitzen mächtiger Geschlechter. Weniger hingegen geschah es, daßFürsten ihren Sitz an Orte verlegten, denen günstige Lage vorher schon zuzahlreicherer Einwohnerschaft und Bedeutung verholten hatte, solche Nei-gung zu ihnen dann weitere Vergünstigungen und Freiheiten von den Herrenzu Wege brachten. Andere dann erwuchsen aus Dörfern und Flecken; wenigewurden förmlich gestiftet, diese durch Kaiser oder große Reichsvasallen,teils auf Reichsboden, teils auf erblichem oder auf lehenbarem Gebiet; inverschiedener Absicht, zu Hut und Verteidigung des Landes, um wider denAdel ein Gegengewicht zu bilden, in Hoffnung, durch erhöhten Verkehr einer
8 Wolters: Der Deutsche. II. TTQ