Schon der Hochmeister Gottfried von Hohenlohe hatte daher seinen Wohn-sitz zunächst in Marburg genommen und den natürlichen Gedanken gefaßt,ihn nach Preußen zu verlegen, wohin er sich auch wirklich im Jahre 1302mit zwei Großgebietigern begab, zugleich wohl auch um die alte Zucht derdasigen Konvente wieder herzustellen, welche durch die Verwilderung einesfünfundzwanzigjährigen Kampfes mannigfach gelockert war.Aber wie das Gemeine allzeit geschäftig ist, wo es Hohes gilt, so regte auchhier die bis dahin unerhörte Ankunft eines Hochmeisters den Staub mäch-tiger Leidenschaften auf. Der Landmeister und der Ordensmarschall, welcheschon früher in Preußen gewohnt, mochten das Heft nicht aus den Händengeben, die Komture fühlten ihr bisheriges freies Schalten auf den Burgendurch die unbequeme Nähe des Meisters gefährdet. Und so geschah es, daß,als auf dem Ordenskapitel zu Memel Hohenlohe unmutig erklärte, er wolleunter solchen Ordensrittern nicht mehr Meister sein, in einem zweiten Ordens-kapitel zu Elbing (1303) an seiner Statt Siegfried von Feuchtwangen zumHochmeister erwählt wurde, welcher zunächst seinen Wohnsitz wieder inVenedig nahm, während Hohenlohe nach Marienburg zurückkehrte und dortim Jahre 1309 starb.
Da ging ein großes tragisches Ereignis warnend an dem Orden vorüber. DerOrden der Tempelherren, eben in der üppigsten Blüte seiner weltlichen Macht,war den immer lauernden, finsteren Mächten der Welt verfallen, mit der erübermütig fraternisiert; er wurde unerwartet, plötzlich, durch Folter, Schwert,und Flammen über den ganzen Erdboden vertilgt. In dem blutbeflecktenTotenantlitz des verbrüderten Ordens aber konnten die deutschen Ritterihre eigene Zukunft vorauslesen. Denn ein politischer Aberglaube gegenalle Ritterorden, von Neid und Habsucht erzeugt und genährt, verbreitetesich damals wie eine Seuche durch ganz Europa; schon wurden die scheuß-lichen Verbrechen, die man den Tempelherren aufgebürdet, auch auf diedeutschen Ritter übertragen, schon schürte die feindlich gesinnte livländischeGeistlichkeit heimlich den Scheiterhaufen.
Aber die Mission des deutschen Ordens, die ihm die Vorsehung auferlegt,war noch nicht vollendet. Er verstand die Mahnung, und noch einmal diekleinlichen Leidenschaften männlich bezwingend, die ihn augenblicklich zer-rissen, bezeugte er durch die Tat, daß er sich noch nicht selbst säkularisierthatte. Und so fand denn der Hochmeister Siegfried von Feuchtwangen jetztüberall keinen Widerstand mehr, als er, in gleicher Erwägung der gebiete-rischen Verhältnisse, Hohenlohes Plan wieder aufnahm, den Hochmeistersitzaus dem entlegenen, ungastlich-argwöhnischen Venedig nach Preußen zu ver-legen, und Marienburg im Jahre 1309 zur künftigen Fürstenwohnung aus-erkor.
Es gibt Momente, wo dem Menschen, der immer nur einzelne Ringe der großenKette zu überschauen vermag, plötzlich ein Blick in die geheime Werkstattder Geschichte vergönnt zu sein scheint, und in den Übergängen und Wand-lungen die verborgene Hand Gottes sichtbar wird. Zu diesen Wendepunktengehört jener Entschluß Feuchtwangens, gleich folgenreich für den Ordenwie für Preußen und den Norden überhaupt.
III