Und bald erwies dieser Bau seine heilbringende Macht. Denn die alten heid-nischen Götter gingen noch immer mahnend und Rache fordernd ringsumherdurchs Land. Doch während in Samland, in Natangen und Ermland dieFlammen der Empörung von neuem aufschlugen, während das wilde Volkder Sudaner und Litauer von Kuhn her plündernd, mordend und sengendvorbrach, schreckte die starke Marienburg die wüste Horde, die Wogen desAufruhrs vertosten immer ferner und ferner; unter den Mauern der Burgerstand aus dem Dörflein Alyem die heutige Stadt Marienburg, es bildetesich durch und um die Burg ein fester Kern christlicher Gesittung, an demdie rohe Gewalt keine Macht mehr hatte.
Aber auch die Wogen der Ströme besprach und bändigte Marienburg, denngleichwie der Löwe den Blick des Menschen nicht verträgt, so erkennenüberall die Elemente scheu die höhere Herrschaft des Geistes an. Nicht nurmußten die wilden Wasser des Landes, sechs Meilen weit über Berg, Tal undFlüsse fortgeleitet, dienstbar die schirmenden Graben des Hauses füllen,sondern der Landmeister Graf Meinhard von Querfurt faßte im Jahre 1288auch den kühnen Gedanken, die Weichsel und Nogat, welche bisher in un-gemessener Willkür die Gauen überfluteten, durch Riesendämme einzu-fangen und aus der Verwilderung ein neues fruchtbares Land emporzuheben.Über die aufgetauchte Oase verbreiteten sich sofort, von der Fruchtbarkeitund durch Freiheiten gelockt, fleißige Ansiedler deutscher Zunge in Dörfernund Weilern, und wo ehemals meilenweite Sümpfe das Land bedeckten unddie Luft verpesteten, wogen noch jetzt, in der Hut jener Dämme, unermeßlicheÄhrenfelder, weiden jetzt beim Abendgeläute zahlloser Dorfkirchen bunt-gefleckte Rinder, im hohen Grase kaum zu sehen, wie in einem unüberseh-baren Garten, von tausendfarbigen wilden Blumen üppig geschmückt. — Sowaltete die heilige Jungfrau von den Zinnen der ihr geweihten Burg segnendüber der jungen christlichen Heimat.
Noch war die Burg zwar nur ein gewöhnliches Ordenshaus, bloß von demKomtur der Landschaft, vom Hauskomtur und den zum Konvente gehörigengeistlichen und weltlichen Ordensbrüdern bewohnt, denn der Landmeisterhatte zu jener Zeit wahrscheinlich überhaupt noch keinen festen Wohnsitz.Aber ihre Pracht vor allen andern Ordensburgen, ihre Stärke und Lage, wiesie, ernst zum Himmel emporstrebend, die ganze weite Ebene bis in das fern-aufblickende frische Haff hinein überschaute, kündigte sie schon damals alsdie künftige Beherrscherin des Landes an. Und ihr Recht sollte ihr werden.Bisher war Venedig des Ordens Haupthaus und der Sitz der Hochmeistergewesen. Allein die, wenngleich in ihrer Weise immerhin großartige, materiellePolitik dieser kaufmännischen Republik, und ein Orden, dessen Streben undBestehen seiner Natur nach ideal sein mußte, es waren zu verschiedeneElemente, um sich jemals befreunden oder auch nur für die Dauer leidlichnebeneinander bestehen zu können. Auch hatte sich die Lage des Ordensdurch die neue Eroberung wesentlich verändert, er hatte im fernen Nordenein ganzes Land gewonnen, gegen welches seine zerstreuten Besitzungen inItalien und Deutschland fortan als unbedeutend verschwanden. Preußen warjetzt des Ordens Kern.
HO