Erde, welche nach dem Tode die Ruhestätte aller ist, nicht auch den Leben-digen dazu dienen?" Da sprachen jene erstaunt: „Wahrlich, dieser Mannist geboren, auf daß er die Welt überwinde und alle Völker beherrsche!"Sie erkannten, wie die Kraft zu großen Taten in dem Maße wächst, als manden Sinn vom Geringen wegwendet und dem Unbedeutenden keinen Wertbeilegt. — Um einem anderen arabischen Fürsten seine Kräfte zu zeigen,durchhieb Gottfried den Hals eines Kameles mit dem Schwerte; als aber jenerden Erfolg bloß aus der Schärfe des Stahles herzuleiten schien, erbat er sichdessen Schwert, und gleich glücklich war die Wiederholung des Streiches.Von einem so kräftigen Manne versprach man sich eine lange und glücklicheRegierung; allein der ungewohnte Himmelsstrich und die großen An-strengungen untergruben seine Gesundheit, und als er nach Joppe eilte, umden mit einer Flotte angelangten Sohn des Dogen Micheli von Venedig zubewillkommnen, ergriff ihn ein viertägiges Fieber. Zum letzten Male erfreuteer sich seines Lebens, empfing große Geschenke, hörte, wie das ganze Abend-land seines Ruhmes voll sei, und wurde dann, weil das Geräusch von der Flotteher und das Toben der Soldaten ihn zu sehr beunruhigte, nach Jerusalemzurückgebracht. Alles Flehen der Christen, aller Rat der Ärzte blieb aberohne Frucht, und Gottfried starb am 18. Julius des Jahres noo; er wardbeerdigt in der Kirche des heiligen Grabes und gleichmäßig beweint vonFranken, Syrern und Griechen. Seine einfache Grabschrift lautet: ,,Hierliegt Gottfried von Bouillon, welcher dies ganze Land dem Christentumegewann; seine Seele ruhe in Christo!" (Friedrich von Raumer, Geschichteder Hohenstaufen und ihrer Zeit, 1840.)
DIE ANKUNFT DER KREUZFAHRER IN KONSTANTINOPEL
(1203)Am Tage vor Pfingsten, bei heiterm Himmel, ruhiger See und leisem Windefuhren die gesamte Kriegsflotte und die zahlreichen Frachtschiffe und vieleKaufmannsfahrzeuge, die sich angeschlossen hatten, aus dem Hafen vonKorfu. Das ganze Meer war mit Schiffen und Segeln bedeckt, eine Macht,um den Erdkreis zu bezwingen; und so begeisternd für den Kriegsmann wardieser Anblick, daß nach langen Jahren die Erinnerung daran freudig seinHerz bewegte.
Glücklich umschifften sie an der südlichen Spitze des Peloponnes den be-schneiten Gipfel des schon den Alten berüchtigten Vorgebirges Malea undsteuerten nach der Insel Negroponte, wo sie Rat hielten und den Prinzen miteiner Heeresabteilung unter dem Markgrafen und dem Grafen von Flanderngegen die Insel Andros sandten, um auch diese zu unterwerfen. Aber in Be-trübnis senkten sie den Leichnam des Burgvogts Guido von Coucy in dieTiefen der Flut. Indes nahmen die andern den geraden Weg nach der Meer-enge des Hellesponts und stiegen am achten Tage nach ihrer Abfahrt vonKorfu bei Abydos an das Land. Die Einwohner überreichten die Schlüsselihrer Stadt; dafür verhießen ihnen die Pilger Schutz. Acht Tage weilten siedort, bis auch die übrigen Gefährten einliefen, und erwünscht kam die Ernte-zeit, um sich mit Getreide zu versehen. Wundersam zu schauen war die
7 Wolters: Der Deutsche II. q«