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2 (1926) Sicht in Vorzeit und Mittelalter
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solche, welche zwar für die Wohlfahrt der Völker höchst wichtig sind, jedochselten in dem öffentlichen Leben unmittelbar kund werden. Deshalb vernahmman eidlich die Diener und Hausgenossen aller Fürsten, über deren Sittenund häuslichen Wandel. Da erzählten des Grafen Raimund Diener manchesNachteilige von ihm, doch wurde behauptet, daß sie, aus Furcht, länger vonder Heimat entfernt zu bleiben, wenn er König würde, arglistig die Beschul-digungen erfunden hätten. Der schon bejahrte Graf teilte indes entwederihre Gesinnungen, oder wollte sich nicht der Gefahr des Abweises aussetzen,und erklärte deshalb öffentlich: er wolle nicht König werden in Jerusalem.Auch Robert von der Normandie trachtete keineswegs nach dieser Würde; ihmerschien sein Erbteil wichtiger, und er fürchtete Anstrengung und Gefahr.Die Diener Herzog Gottfrieds von Lothringen sagten dagegen aus: unterallen Handlungen ihres Herrn scheine ihnen nur eine unverständig: daß ernämlich selbst nach Beendigung des Gottesdienstes noch in der Kirche ver-weile und die Kundigen über jedes Gemälde und jede heilige Geschichteso lange befrage, bis diese, nicht minder als die Diener selbst, Überdruß undUngeduld ergreife. Das zur bestimmten Stunde bereitete Essen werde mittler-weile leider kalt und geschmacklos.

Zu diesem Tadel, der den Wählern als großes Lob erschien, gesellte sich dieErinnerung, daß Gottfried allein bei der Einnahme von Jerusalem wenigerteilgenommen hatte an der wilden Grausamkeit. Auch besaß keiner die Ge-schicklichkeit, Franzosen und Deutsche, die sich bald im Scherze bald imErnste als Widersacher zeigten, zu gewinnen, auszusöhnen und zu lenken:denn an den Grenzen beider Reiche geboren und erzogen, gehörte er gewisser-maßen beiden Völkern an, und kannte die Sprache beider. Aus solchen Grün-den, um öffentlicher und häuslicher Tugenden willen, wählte man am 22. Ju-lius 1099 einstimmig den Herzog Gottfried von Lothringen zum Könige vonJerusalem. Lobgesänge wurden hierauf in der Kirche des heiligen Grabesangestimmt, aber eine feierliche Salbung und Krönung fand nicht statt: dennder Herzog weigerte sich, an dem Orte, welcher zur tiefsten Demut verweise,wo man dem Könige der Ehren, dem Herrn des Himmels, nur Dornen um dieSchläfe gewunden habe, anmaßlich Zeichen und Titel irdischer Größe an-zunehmen. Deshalb haben viele, nur das Zeichen würdigend, Gottfried nichtden Königen von Jerusalem beigezählt.

Nie erschien wechselseitiges Nachgeben und Verträglichkeit nötiger als indiesem Augenblicke, wo sich, einer Zählung zufolge, in Jerusalem nur200 Ritter und 2000 dienstfähige Fußgänger befanden, und diese wenigensogar noch Mangel litten. Dennoch war der Ruhm des Königs und der Pilgerso wohl begründet, daß mit den Befehlshabern von Ptolemais, Askalon,Cäsarea, ja mit dem Fürsten von Damaskus Verträge zustande kamen, wo-nach einige Zins versprachen und alle einen freien ungestörten Handel be-willigten. Ohne diese Handelsfreiheit würden die rings von Feinden um-gebenen Christen notwendig dem Mangel erlegen sein. — Auch arabischeFürsten überbrachten ehrfurchtsvoll dem Könige Geschenke, bezeigten aberzugleich ihre Verwunderung, den Bezwinger so vieler Völker auf einem Stroh-sacke an der Erde sitzen zu sehen. Er antwortete ihnen: „Warum soll die

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