die antike Tragödie erinnert, wo der Held in allem Glanz männlicher Tüchtig-keit und Lebensfülle den Gewalten des Schicksals erliegt. Denn was kanneinem überwältigenden Schicksal ähnlicher sein als die Macht der Meinung,die unbemerkt um sich greift, die Gemüter in Besitz nimmt und plötzlichmit einer nicht mehr zu bezwingenden Stärke auf dem Kampfplatze erscheint.Heinrich sah die Welt vor seinen Augen sich von dem Kaisertum abwendenzum Papsttum. Ein in den dunkeln Antrieben eines Kreuzzuges zusammen-gebrachtes Heer verjagte den von ihm eingesetzten Papst aus Rom. Ja, insein eigenes Haus drangen die ihm feindseligen Ideen ein: zuerst ward seinälterer Sohn von katholischem Eifer ergriffen und zum Abfall von dem Vatergereizt; bei dem jüngeren kam dann der Einfluß der deutschen Aristokratiehinzu. Der zwang, List und Gewalt vereinigend, den eigenen Vater zurAbdankung; mit Herzeleid fuhr der alte Kriegsmann in die Grube. (Leopoldvon Ranke, Deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation, 1839/47.)
HEINRICHS VI. EINZUG IN PALERMO(«94)Als das Heer zu Wasser und zu Lande nach Palermo (von Messina) aufbrach,als die Königin mit ihren Kindern und den vertrautesten Freunden, demErzbischof von Salerno und seinen Brüdern, an die Südküste, in das feste SchloßKalatabellota zog, da unterwarf sich auch der große Admiral Margarilodem Sieger, übergab das Kastell, welches den Hafen von Palermo schützte,und ließ sich vom deutschen Kaiser zum „Herzog von Burazzo und Fürstendes Meeres" ernennen.
Jetzt nahte der Augenblick, den der edle Sizilier Falcandus sich als den un-glückseligsten für sein Vaterland einst nur in besorgtem Gemüte ausgemalthatte, die Zeit ,,da vielleicht gar die Fußspuren der Barbaren den Boden deredelsten Stadt entweihten, die über alle Teile des Reichs strahlend empor-ragte". Aber anders waren die Gefühle des jungen Kaisers, als er das Zielseiner Sehnsucht vor sich sah, als er, die Berge herabsteigend, die reicheEbene vor sich erblickte, in ihr zerstreut die dunklen Lustwälder und dieweitberühmten glänzenden Schlösser normannischer Könige, am Ufer dermalerischen Bucht die „glückliche" Stadt, wie sie selbst sich zu nennenliebte, im Westen den majestätischen Monte Pellegrino, als all der unver-gängliche Zauber der Natur sich vor ihm entfaltete, der seit Menschengedenkendes Nordländers Sinn gefesselt hält. Seiner wartete in jener Stadt die sizilischeKrone. Was einer Reihe großer Kaiser, deren Vorbild seine jugendlicheSeele durchglüht und geschwellt hatte, als letztes Ziel erschienen war. Dasgewaltige Werk, welches sein edler Vater seinen Händen anvertraut hatte,das sah er in diesem Augenblicke mit Jugendmut und Geistesstärke erreicht.Nahe bei Palermo, an den Ufern des Papireto, empfing ihn das im phan-tastischen Stil der Orientalen erbaute Lustschloß Rogers, La Favara.Mit Bewunderung durchwanderte er die reichgeschmückten Räume diesesSchlosses, in denen Springbrunnen Kühlung verbreiteten, den kunstvoll an-gelegten wasserreichen Park, in welchem eine große Anzahl fremdländischerTiere gehegt wurde. Erfüllt von der Achtung, welche die edle Kultur des
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