HEINRICH IV. UND GREGOR VII.
An dem römischen Hofe erlangte der Mann, der vor allen anderen die Not-wendigkeit der Reform und unabhängigen Existenz des kirchlichen Institutsverfocht, der vom Schicksal bestimmte Mann, der seinen Sinn den Jahr-hunderten zum Gesetz machen sollte — Hildebrand, Sohn eines Zimmer-manns im Toskanischen — beherrschenden Einfluß auf alle Angelegenheiten.Er rief Beschlüsse hervor, nach welchen die Papstwahlen in Zukunft nichtmehr von den Kaisern, sondern von dem Klerus der Kirche und den Kardi-nälen abhängen sollten und zögerte keinen Augenblick, sie nun auch insWerk zu setzen: sogleich die nächste Wahl leitete er danach.In Deutschland dagegen war man zu dieser Zeit nur mit dem Kampfe derFaktionen des Hofes beschäftigt: die über Italien und Deutschland ausgebreiteteOpposition, zu der auch Hildebrand gehörte, gewann endlich an dem Hofeselbst festen Boden: die Anhänger der alten sächsischen und salischen Grund-sätze, zum Beispiel Kanzler Guibert, wurden gestürzt; es kam so weit, daß derHof die gegen sein eignes nächstes Interesse geschehene Wahl billigte: einenGegenpapst, der sich mit vielem Glücke behauptete, indem sich die alten Grund-sätze erneuerten, ließen die deutschen Machthaber, verloren in die Streitig-keiten des Augenblickes, selber fallen.
Das ward nun wohl anders, als der junge Salier, voll Lebensmut und Geistwie er war, persönlich die Regierung übernahm. Er kannte seine Rechteund war entschlossen, sie um jeden Preis zu behaupten.Aber schon waren die Sachen so weit gediehen, daß er von allem Anfang indie gefährlichste Lage geriet.
Der Eintritt des jungen, zu Selbstherrschaft und Gewaltsamkeit geneigten,von Leidenschaften fortgerissenen Fürsten brachte gar bald die lange gären-den inneren Feindseligkeiten in Deutschland zum Ausbruch; auch die deutschenGroßen strebten nach einem Zustand von Autonomie, wie sich ihn die fran-zösischen eben damals verschafft hatten; im Jahre 1073 empörten sich diesächsischen Fürsten: ganz Sachsen, sagt ein Zeitgenosse, wich von dem Königwie ein Mann. Indessen hatte zu Rom das Oberhaupt der Feinde die päpst-liche Tiara selbst genommen und schritt nun unverweilt zu dem großenUnternehmen, nicht allein das Papsttum, sondern die Geistlichkeit überhauptvon dem Kaisertum zu emanzipieren: im Jahre 1074 ließ er durch seineSynode ein Gesetz verkündigen, welches den Laien, das ist zunächst dem Kaiser,die Ernennung zu den geistlichen Ämtern überhaupt entreißen sollte.Kaum zur Krone gelangt, sah Heinrich IV. die besten Befugnisse derselben,die Summe seiner Macht angegriffen und mit Vernichtung bedroht; er schienohne Frage unterliegen zu müssen. Der Zwist zwischen Sachsen und Ober-deutschen, der ihm eine Zeit lang zustatten gekommen, ward beigelegt, undman sah die Schwerter, noch naß von gegenseitigem Blut, sich vereinigtgegen den Kaiser richten; man legte ihm die Notwendigkeit auf, den Papst,der ihn exkommuniziert hatte, zu versöhnen; er mußte jene Winterreise,jene Buße von Canossa vollziehen, durch die er die Majestät des kaiserlichenNamens so tief erniedrigte.
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