Herrn geliehenen Herrschaft, welche von Gott an den Kaiser, von diesem andie Reichsvasallen, von diesen an ihre Mannen und Leute und so herab bis zujedem einzelnen Träger auch der unbedeutendsten Gewaltrechte gekommenwar. Neben dieser weltlichen Hierarchie des Dienstes aber stand in ähnlicherOrganisation, mannigfach mit ihr verwoben und doch gerade wegen derinneren Verwandtschaft eine gefährliche Nebenbuhlerin, die Hierarchie derKirche. (Otto Gierke, Das deutsche Genossenschaftsrecht, 1868.)
DIE KÖNIGSKRÖNUNG OTTOS DES GROSSEN
Um den 1. August des Jahres 936 versammelten sich in der Kaiserpfalzzu Aachen, welche gleich dem anstoßenden Münster Karl der Große erbauenund Säulen und Marmor dazu aus Italien hatte herbeischaffen lassen, dieGroßen aus allen deutschen Ländern. In der Säulenhalle, welche die Pfalzmit dem Münster verband, erhoben sie Otto auf einen Thron und gelobten ihmunter Handschlag Treue auf immerdar, wie Beistand gegen alle seine Wider-sacher. So huldigten sie ihm nach alter Sitte auf fränkischer Erde als Karlsdes Großen Nachfolger und König der Franken. Deshalb hatte Otto auchsein weites sächsisches Kleid mit dem knappen fränkischen Gewände ver-tauscht. Nur als Franke, und auf fränkischem Boden meinte man damalsund hat man noch lange nachher gemeint, könne der neue König die Kroneempfangen; der König, hieß es, hat fränkisches Recht, sobald er erkoren ist,von welchem Stamme er auch geboren sein mag.
Nach der Huldigung begab sich Otto, von den Herzögen, Grafen und Herrenbegleitet, in feierlichem Zuge zum Münster. Wer nach Aachen kommt, wirddiese Kirche noch heute dort sehen. In der Gestalt eines Achteckes steigt siezu mächtiger Höhe empor, und oben umkreist sie ein zweifacher Umgangmit von Säulen gezierten Arkaden; in der Mitte aber auf dem Boden ist dieStelle bezeichnet, wo Kaiser Karl das Grab gefunden. Die Gänge oben erfülltedamals dicht gedrängt das Volk, das von weit und breit zum großen Festeherbeigeströmt war. In dem unteren Räume aber erwartete Erzbischof Hilde-bert von Mainz — der sich erst nach langem Hader mit den Erzbischöfenvon Köln und Trier das Recht der Krönung erstritten hatte — mit allen Erz-bischöfen, Bischöfen und Priestern, die sich eingestellt hatten, den jungenKönig. Als dieser an der Pforte erschien, schritt er ihm entgegen, den Krumm-stab in der Rechten, und führte ihn mit der Linken bis in die Mitte des Mün-sters, wo Kaiser Karls Grabstein liegt und Otto von allen Seiten erblickt wer-den konnte. Hier wandte er sich um und rief laut zu dem Volke: „Sehet,ich führe euch Otto zu, den Gott zu eurem König erwählt, König Heinrichbestimmt und alle Fürsten erhoben haben. Gefällt euch solche Wahl, so hebeteure Rechte zum Himmel!" Alle erhoben die Hände, und donnernd halltees in der Runde: „Heil und Segen dem neuen Herrscherl"Darauf schritt der Erzbischof mit Otto bis zum Altare vor, wo Schwert undWehrgehenk, Mantel und Spangen, Szepter, Stab und Diadem, die Zeichender königlichen Würde, bereit lagen. Zuerst nahm er Schwert und Wehrgehenk
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