beschlossenen Zustand, dem jeder zuzuwachsen, doch dem keiner mehr zugeben hat — Bewegung, Fragwürdigkeit entsteht nur durch die mannigfacheUnruhe und Unzulänglichkeit der Welt. Nicht der Glaube ist, wie für denBeter Anselm oder für den Prediger Bernhard, das innerst Erregende, dieunstillbare Frage, sondern das ordnungsfeindliche Draußen. Dominikus hattedergleichen durch sein Leben erfahren — Thomas gründet darauf das neueZeitalter des Geistes.
Denn der Satz, das Amt des Weisen sei Ordnen, steht wie eine Mauer zwischendem älteren Christentum und allem geistigen Wesen seither. Wohl hat esauch seither Leidenschaft des Geistes gegeben, und nicht nur in dem be-schränkten Sinn, wonach jede wahre Denkleistung tiefere Spannung voraus-setzt, wonach selbst Kant leidenschaftlich war — nein auch so, daß der Weisezeugen wollte. Aber diese Leidenschaft hat dann entweder zerstörend gewirkt,wie schon unmittelbar nach Thomas bei Duns Scotus und Occam, oder sieführte in ein mehr als philosophisches Reich, wie im größten bei Dante, imkleineren bei Schiller, oder sie stand einsam, abseits der Zeit: Nietzsche.Aber die Durchblutung der Theologie und Philosophie ist nicht mehr gelungen— viel eher geschah es, daß tathafte Naturen die Ordnungen der Weisen ver-gewaltigten, wie Luther, oder auch sich ihnen zur Verfügung stellten, wieLoyola. Bestimmend aber in der Wirklichkeit wie in allen Begriffen derWissenschaft war das machtvoll-kühle, befriedigt-entsagende des Thomas:sapientis est ordinäre. (Wolfram v. d. Steinen, Vom heiligen Geist desMittelalters, 1925.)
DIE MYSTIK IM 14. JAHRHUNDERT
Das Höhere in allen sozialen und kirchlichen Verhältnissen war abgelähmtund erstorben, die früher in ihm gebundenen höheren geistigen Kräfte warendadurch frei geworden und schweiften nun geistergleich körperlos in der Ge-sellschaft um; das Gewimmel der untern Kräfte aber, von der bisherigenLebensregel losgebunden, jedoch von der Natur der Dinge in gewissen Gren-zen festgehalten, ging seinerseits in keckem Lebensmute in diesem Natur-geleise und gab, immer noch nachhaltig in aller Schnellkraft, ein reiches aberzugleich auch jeden bessern Sinn betrübendes Schauspiel einer sich zwecklosdurch sich selbst aufreibenden, wilden, zügellosen Gewalt, die ohne Steuervon ungestümen Winden getrieben, auf weitem bahnlosem Meere irrte. Dieserbis zum Schwindel verwirrende Anblick, dieser Chariwari wild gegeneinanderredender Kräfte, dies unaufhörliche, unartikulierte Sausen und Brausen, das,selber auf kein ordnendes Wort hörend, auch in kein solches Wort zusammen-klang, mußte jene höheren Kräfte in den der Zeit überlegenen, bessern Geisternaus dem Tumulte scheuchen und sie zur Einkehr in sich selber treiben, umdort, im beschlossenen Innern, in der stillen geistigen Welt, die in dasselbehinunter reichte, einen unbewegten Punkt zu finden, auf dem sie von so vielemWechsel und Wandel, von so trostlosem Getümmel ausruhen mochten. Wietief sie aber einkehrten, wie entschlossen sie untertauchten in diese geistigenAbgründe, sie fanden auch dort alles im tief hinabreichenden Wellenschlagbewegt und Ruhe nicht eher, als bis sie über dem in sich verhüllten Keim-
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