und alles sah ihn für wahnsinnig an. Die Alten schalten, die Jungen ver-spotteten ihn, die Kinder bewarfen den Narren mit Steinen und Kot: bis seinVater, dem es bald hinterbracht war, in Scham und Wut den ruhig Hin-schreitenden in sein Haus riß. Er sperrte ihn im Finstern ein und hoffte ihnerst so und durch Worte, dann durch Schläge und Fesseln zu heilen. Aberder blieb immer sich gleich. Schließlich, als der Vater verreist war, machtedie Mutter ihn los, und er kehrte in seine Kirche zurück. Dort aber hielt ersich nicht mehr einsam, sondern ging frei, in seinem großen Sinne gefestigt,umher. Da der Vater sah, daß er ihn, der sich gern jeder neuen Marter bot,weder rückbilden noch aus dem Lande jagen könne, trieb ihn die Leidenschaftdahin, zurückzufordern, was Franziskus auf seine letzte Kauf fahrt mit-genommen — man fand das Geld noch in jener Fensternische — und sichinskünftig ganz von ihm loszusagen. Er forderte ihn darum vor das bischöf-liche Gericht, und hier warf Franziskus ohne Zaudern und ohne Wort, alleScham verachtend, die alten Kleider ab, die er vom Vater noch trug: nackt,wie er ihm geboren war, wollte er von ihm gehen. Der Bischof ließ ihmGewandung bringen und deckte ihn inzwischen mit der seinen zu. Franziskussagte: „Nun kann ich in Freiheit sprechen, Vater unser, der du bist imHimmel — nicht, Vater Peter Bernardone." Man sieht, er war an starkerLeidenschaft seinem Erzeuger gleich, aber welche Früchte trug sie jenem,welche ihm! (Wolfram v. d. Steinen, Franziskus und Dominikus, 1925.)
THOMAS VON AQUIN
„Das Amt des Weisen ist ordnen." Diesen aristotelischen Satz stellt Thomasals die ihn selbst beherrschende Idee an die Spitze der philosophischen Summe.Denn, erläutert er, so verstehe die Menge das Amt des Weisen, und ihremGebrauch sei zu folgen. Fügen wir auch hinzu, daß Ordnen ihm, wie seinemMeister Aristoteles, nicht ganz wenig bedeutet: er setzt es mit Lenken gleich,Hinlenken der Dinge nämlich auf ihr inneres Ziel. Der Weise betrachtet dietiefsten Gründe, und diese Betrachtung ordnet die Erscheinungen im All aufihren Anfang und Ende, auf das Gute hin. Ordnung ist in der Tat das be-herrschende Wort in sämtlichen Schriften des Thomas.Mit diesem einen Leitsatz ist Thomas endgültig von aller früheren christ-lichen Weisheit geschieden. Ordnen ist das Gegenwort zu Schöpfen: es be-grenzt alles unmittelbar Drängende: Leidenschaft, Aktivität, Blut — aus demselbstgewissen Geiste heraus. Es ist die ewig zweite Notwendigkeit, der auchder Täter, der Dichter, der Gott selber genug tut. Wer aber nur Ordnen alssein Amt sieht und Ordnen als Lenken, das Amt des Ordnens als das höchsteversteht, der setzt voraus, daß die Schöpfung vollendet und nur mehr Er-haltung Pflicht ist.
Piatos Tun war Erwecken und Gestalten; das des Paulus Erobern; das desAugustin Wachhalten, Durchglühen; Anselm, Bernhard, Franziskus rangenmit dem Engel, mit Gott selbst, daß die Zeit zur Ewigkeit, die gläubige Ein-sicht zur Sicht, die Erde zum Himmelreich werde, daß der Herr in der Gloriewiederkehre, wie er verheißen. Thomas ordnet. Er nimmt den Glauben als
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