welcher herzeinnehmenden Anmut, und wieder abwechselnd, mit welcher Er-habenheit versteht er, jene tief verschleierten Geheimnisse zu behandeln;und welch ein Licht wirft der Heiligenschimmer, der sein schauendes Antlitzumkreist, in die dunkeln Gründe der höheren Welt: wer hätte ihn gekannt,und hätte gewagt, leugnend und verneinend ihm unter die Augen zu treten?(Joseph von Görres, Heinrich Susos Leben, 1829.)
DIE JUGEND DES HEILIGEN FRANZ
Franziskus war der Sohn eines reichen Kaufmanns, des Peter Bernardonevon Assisi. Als er im Jahre 1182 geboren wurde, da deuteten wohl stolzeAhnungen seiner Mutter und auch der ungewöhnliche Name, den der in Frank-reich viel bewanderte Vater ihm gab, auf ein besonderes Los, aber seineJugend unterschied sich nicht merklich von der irgendeines vornehmenBürgersohnes seiner Zeit. Er lernte dürftig Lesen, Schreiben und Latein,dann Französisch, die Sprache der bürgerlichen Bildung sowohl wie des ritter-lichen Gedichts: von der strengen christlichen Zucht erfuhr er wenig. Heran-gewachsen, betrieb er den Tuchhandel zusammen mit dem Vater, und was ermit Geschick erwarb, gab er verschwenderisch im Kreise froher Gefährtenwieder hin. Spiele und Feste wechselten mit kleinen Kauf- und Kriegsfahrten,immer suchte Franziskus vor allen zu glänzen, immer war er voll Eifers undgroßer Pläne, und bei allem Ehrgeiz doch freundlich und gefällig, gütigenRegungen so offen wie eitlen. Da keiner ihn Höheres lehrte, durchlief erso bis ins 25. Lebensjahr ungefähr alle Möglichkeiten, die das Leben seinesStandes bot, und wohl brach in Augenblicken die tiefere Kraft aus ihm hervor,aber er selber begriff sie nicht.
Nur ein langer, gemessener Weg führte ihn zum Bewußtsein seiner selbst.Zuerst traf ihn Krankheit und entzog ihn dem auflösenden Treiben. Als sieihn soweit freiließ, daß er am Stock wieder hinausgehen konnte, da freutenihn nicht, wie bisher, die Äcker und lieblichen Weinberge, ja, die Lust an sichselbst schien ihm verloren. Aber in solcher Verwirrung griff er bald um soheftiger nach dem alten Leben. Da ein Ritter von Assisi zu einem Feldzugnach Apulien aufbrach, beschloß er mitzuziehen, hier glaubte er den Beginneiner ruhmvolleren Bahn. Er sah im Traum sein Haus statt mit Tuch mitWaffen und Kriegsgerät erfüllt und vernahm eine Stimme, das alles werdeihm und seinen Rittern gehören. Damit wähnte er seinen Vorsatz herrlichbestätigt; und dennoch—seltsam — gerade seit diesem Traum war seine Freudean den Zurüstungen vermindert — bis er, sich Gewalt antuend, aufbrach.Da schlug ihn die Gottheit. Sie schien ihn im Traume zu fragen, was er seinwolle, Herr oder Knecht? Und da er antwortete: „Herr", gab sie zurück:„Warum suchst du dann den Knecht statt des Herrn?" Dieser Wink war ihmgenug. Er vermochte nun bei wachen Sinnen so viel, daß er sich besann undsich begriff und mit der unbeugbaren Entschiedenheit des Menschen, der demechten Geiste gehorcht, noch am selben Tage nach Assisi zurückkehrte, frohwie ein Sieger und verkündend, er werde noch ein großer Fürst im eigenenLande sein.Nun fürchtete er nur eins: er werde die Kraft nicht halten können, die für
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