GENIUS DES MITTELALTERS
Welch eine wunderseltsame Zeit ist nicht dies Mittelalter, wie glühte nichtin ihm die Erde liebeswarm und lebenstrunken auf; wie waren die Völkernicht kräftige junge Stämme noch, nichts Welkes, nichts Kränkelndes, allessaftig frisch und voll, alle Pulse rege schlagend, alle Quellen rasch aufspru-delnd, alles bis in die Extreme hin lebendig! Der Norden hatte früher seinekalten Stürme ausgesendet, wie Schneegestöber hatten die mitternächtlichenNationen über den Süden sich hingegossen, dunkel zog sichs um die bleicheSonne her, da ging der Erdgeist zur tiefen Behausung nieder, da, wo in ge-wölbter Halle das Zentralfeuer brennt, und legte sich, während außen dieOrkane heulten, zum Schlafe nieder; die Erde aber erstarrte, als wäre siezum Magnetberge geworden, und es wollten nicht mehr die Lebensquellenin den Adern rinnen, und der Blumenflor des Altertums verwelkte, und dieZugvögel suchten an den Wendekreisen eine wärmere Sonne auf. Aber dieFluten hatten sich verlaufen, die Stürme hatten ausgetobt, der Schnee warweggeschmolzen, wie die lauen Winde wiederkehrten, und war befruchtendin die Erde eingedrungen; der Archeus war, geweckt von dem harmonischenZusammenklange der Gestirne, wieder hervorgegangen und hatte das Lebenmit hinaufgebracht in unendlich vielen jungen Knospen und Keimen; und esbrauste in allem Geäder wieder, und die Totenkälte war gewichen und derWinterschauer und des Frostes starre Herbigkeit, und es war ein ahndendSehnen in demGemüte aller Dinge und ein freudig sinnend Verlangen in allemIrdischen, als das Mittelalter begann. Ein großer Erdenfrühling war über denWeltteil ausgebreitet; der schöne Garten in Griechenland, das zweite Para-dies, war wohl zerstört, und bald trat ein Cherub mit dem Flammenschwert,von Mohammed ausgesendet, vor den Eingang hin; die Paläste der Römer-stadt waren wohl geschleift und der große Turm umgeworfen, der allerVölker Sprachen verbinden sollte: aber der ganze weite Weltteil, der wüstgelegen hatte und verwildert, während jene Kunstgärten blühten, war nunauch wegsam und zugänglich und angepflanzt worden, und eine Blütenwolkehing berauschend über der weiten Welt, und die Moose sandten oben ihreDüfte dem schwebenden Frühling zu, wie unten die Orangen zu ihm auf-dufteten; in dem Meere von Wohlgeruch aber schwebte die Poesie wie überdem Chaos Eros und bildete Kunstgestalten aus dem Aroma und demFarbenglanz. Und die alten Götter waren gestorben, wie das Laub gefallenwar, und wie Grabeshügel lagen die Schutthaufen ihrer Tempel weit umher,und über Tod und Grab erhaben und über Endlichkeit und Zeitlichkeit warsiegreich ein anderer Gott hervorgegangen; er hatte den letzten Atem derSterbenden aufgeatmet, und alle irdischen Lichter waren in seinem Glanzzerronnen, und das Leben war zu seiner ersten Quelle zurückgegangen; wiees aber durchbrach durch des Grabes Nacht und glorreich gegen Himmelfuhr, da brachte es die neue Zeit aus der Tiefe mit herauf, Elysium und dieUnterwelt entwichen von der Erde, die keinen Raum mehr für sie hatte,und die schöne, freudige, alte Sinnlichkeit war nun gebrochen, und dieFreundschaft des Menschen mit den Elementen aufgehoben, es war Feind-