Leben durchgesetzt und gehe jetzt zu ihm, um ihn lebend herzuleiten. Wer aberdiese Worte gehört hat, der hüte sich, Gottes Geheimnisse zu verraten, sonstwird ihn schnell ein Unglück treffen." Der arme Mann konnte nicht schwei-gen: Seine Strafe war, daß er erblindete. (Gustav Freytag, Bilder aus der deut-schen Vergangenheit, 1867.)
CHRISTLICHES SCHICKSALDie neue Welt ist unter einem andern Gesetz und einem andern Gott gebildetals die alte. Aus dem Gefühl eines erniedrigten und kümmerlichen Geschlechtssah der Mensch in ihr nach einem andern Leben nach diesem hin und nacheinem Gott außer der Natur. Es mußte also zwischen diesem Menschen undder Natur, die seine Natur gewesen war, eine Trennung erfolgen. Er fingan, das Herrliche zu verachten, was er hatte, um sich etwas Herrlicheres zuträumen, was er glaubte. Der höchste Trieb, der nun Welttrieb werden sollte,riß ihn unwiderstehlich weg von der Erde und ihren Genüssen, aber der un-schuldige irdische Instinkt war aus der Jugendwelt noch mächtig da undzog mit seinen süßen Lockungen selbst das alternde Menschengeschlechtwieder zum alten Naturgenuß zurück. Dies gab Kampf zwischen Himmel undErde, und im Streit hat mein Geschlecht gelebt seit der Herrschaft des Christen-tums auf Erden. Aber schwer war die irdische Masse und tief darein ver-wachsen das vom Äther stammende Göttervolk. Manches Jahrhundertarbeitete und zuchtmeisterte der Geist, aber das süße Gesetz der Schwereriß oft irdisch nieder, was er himmlisch baute, und er mußte seine Arbeitvon vorn anfangen. Doch endlich war der Kampf durchgekämpft, der phy-sischen Stärke ward weniger, und der Sieg schien da zu sein. Aber mit derStärke ist auch die Schnellkraft dahin; entkörpert genug sind die Sterblichen,aber sie sind selbst den geistigen Flügeln zu leicht geworden, denn ohneSchwerpunkt gelingt kein Flug. Ich will ein Gleichnis sprechen, was eserklärt. Ein unheilbares Übel ist dir durch die Lebenssäfte bis in das innersteMark gedrungen, du kommst zu mir, dem Arzt; ich verspreche dir Hilfe undheile wirklich das Übel aus, aber die Mittel sind so drastisch, daß auch dasMark mit ausgesogen und ausgeschwitzt ist. Du bist dieses Übels genesen,aber die alte Gesundheit kommt nimmer wieder. Gerade so weit hat derGeist die Zeitgenossen gebracht. Nach langem Kampf und tausend Rück-fällen sind sie endlich der Natur entfremdet und aus ihrer süßen Gemeinschaftausgeschieden, die irdische Kraft hat sie verlassen, wie sie Antäus verließ,als er in den Armen des Göttersohnes zwischen Himmel und Erde erwürgtward, aber zu sich, zu seinem lichten Äther, hat der Erhabene sie noch nichthinaufheben können. So weiden sie nun kümmerlich ohne Genuß und Be-gierde auf der Erde, die einst ihre milde Mutter war und ihnen nun nichtmehr angehört, und sehen lechzend nach dem Himmel auf, an welchen sienur mit der Sehnsucht reichen, den zu erfliegen ihnen aber der Mut fehlt.So steht das Geschlecht der Jetztlebenden arm, ohne Unschuld und ohneGeist, zu klug für die Erde, zu feig für den Himmel. Es ist der Anfang desFegefeuers der Welt, denn nur durch Flammen geht man zum Licht und zuden Göttern empor. (Ernst Moritz Arndt, Geist der Zeit, 1806.)
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