sie schon darum die begünstigte Gefährtin des sich allmählich verkörperndenChristentums.
Es hat sich aber auch ferner mit dem Christentum und durch dasselbe dieVerfassung der Völker auf eine der bildenden Kunst nicht durchaus günstigeWeise verändert. Die sichtbare Gemeinde der Bürgerstaaten hat sich ineine geistige und unsichtbare aufgelöst; die Sorge für die Erhaltung desGanzen ist in die Hände einiger Wenigen gelegt; vertrauensvoll überläßt derBürger die Verwaltung des Staates dem ihm von Gott gesetzten Herrn undverfolgt, der öffentlichen Sorge entbunden, seine Neigung oder sein Geschäft.Wie also dort das Interesse des öffentlichen Lebens, so wird hier das Interesseder Häuslichkeit herrschend sein. Überdies bringf die größere Ausdehnungunserer Staaten, der Gang der Geschäfte, die veränderte Art unserer Bildung,Trennung der einzelnen Kräfte, Widerstände hervor, und damit sich dasGanze in eine Spitze inniger vereinige, muß das einzelne sorgfältiger ge-schieden sein. (Friedr. Jacobs, Über den Reichtum der Griechen an plasti-schen Kunstwerken, 1810.)
GERMANISCHES CHRISTENTUM
Von den Einwirkungen des Christentums auf die neuen Germanenstaaten weißdie politische Geschichte viel zu erzählen. In dem Gemüt des Volkes sah derGlaube freilich anders aus als in den heiligen Schriften, und er behielt den ger-manischen Zusatz bis tief in das Mittelalter, einiges davon bis zur Gegenwart.Es waren Völker von jugendlicher Kraft, die gerade ihre wildeste Helden-zeit durchlebten. Der gekreuzigte Christus war kein Gedanke, der ihnen ver-traulich sein konnte, und auffallend tritt dieses Bild, das später die Lieblings-vorstellung der Kirche wurde, in der ersten Hälfte des Mittelalters zurück.Der neue Sohn Allvaters, der Eingeborene ist der jugendliche, leuchtendeHeld, der gegen Sünde, böse Geister und die Hölle siegreich gekämpft hatund gleichen Kampf von seinen Getreuen fordert. Er ist der Herr, die Apostelund Heiligen seine schnellen Degen, seine Engel fliegen im Federhemd daher,seine Herrschaft ist ein großes Königreich. Der Herr ist der große Schatz-spender und er teilt reichlich an seine Getreuen; er sitzt in der Himmelsburgauf seinem Stuhle und sieht auf die Menschenherde herab. Der Bekennerist sein Mann, ihm durch Treuschwur verpflichtet. Aber die Pflicht ist gegen-seitig, der Herr hat seinen Getreuen auf dieser Erde Gutes zu gewähren, injenem Leben aber ewiges Glück. Wenn das Christentum in der Kirchen-sprache die heilbringende Lehre genannt wird, so wurde das Heil von Geist-lichen und Laien nicht nur als Aufnahme in das Reich Gottes nach dem Todegefaßt, sondern auch als eine kräftige Förderung des irdischen Wohls, vorallem der Unversehrbarkeit im Kampfe und als Sieg über die Feinde. Aufdieser Grundanschauung von dem Verhältnis des Christen zu seinem Gott,der bald als Gottvater, bald als Gottsohn gefaßt wird, ruht die ganze Frömmig-keit des Volkes; dieselbe Auffassung ist aus Sage und Poesie überall zu er-kennen, bei den Angelsachsen, im niederdeutschen Heliand, bei Otfried, sogarnoch im dreizehnten Jahrhundert. Dort ist zum Beispiel in einem Gedicht
3 Wolters: Der Deutsehe. II. OO