bei den abendländischen Völkern! Selbst der tote Schatz der griechischenKenntnisse ward erst dann wieder lebendig wirkend, als er, von dem starkenGeist des reif gewordenen Mittelalters ergriffen, bei der Zerstörung des grie-chischen Kaisertums über den fruchtbaren Boden des freien Abendlandesausgestreut ward. (Friedrich Schlegel, Über die neuere Geschichte, 1811.)
VERFALL ROMS
Mit dem Untergange des gotischen Reiches beginnt der Zerfall der antikenGestalt Italiens und Roms. Die Gesetze, die Denkmäler, selbst die geschicht-lichen Erinnerungen sinken in Vergessenheit. Die Tempel stürzen ein. DasKapitol erhebt noch auf seinem öden Hügel eine verlassene Wunderwelt vonPrachtmonumenten des größesten Staates der geschichtlichen Menschheit.Der Kaiserpalast, noch in seinen Hauptmassen unzerstört, ein riesiges Laby-rinth von Hallen und Höfen, von Tempeln und tausend kunstvollen Räumen,die vom feinsten Marmor strahlen und noch hier und da mit golddurchwirktenTeppichen bekleidet sind, zerfällt und wird zu einer geisterhaft ausgestorbenenBurg. Nur in einem kleinen Teile des Palatiums wohnt der byzantinischeDux, ein Eunuch vom Hofe des griechischen Kaisers, oder ein halbasiatischerGeneral, mit seinen Schreibern, Dienern und Wachen. Die Prachtfora derCäsaren und des römischen Volkes veröden und werden sagenhaft. DieTheater und der große Cirkus Maximus, wo die Wagenspiele, die liebste undletzte Ergötzung der Römer, nicht mehr gefeiert werden, füllen sich mitSchutt und Gras. Das Amphitheater des Titus steht unerschüttert, aberseiner Zierden beraubt; die unermeßlichen Thermen der Kaiserzeit, von keinerWasserleitung mehr versorgt und nicht mehr in Gebrauch, gleichen in derWildnis verfallenen Städten, welche der Epheu zu umspinnen beginnt. Diekostbare Marmorbekleidung ihrer Wände stürzt herunter, oder sie wird ge-waltsam abgerissen, und die musivischen Fußböden lösen sich. Noch stehenin schön gemalten Hallen antike Badesessel von lichtem oder dunklem Stein,und prächtige Wannen von Porphyr oder von orientalischem Alabaster; diePriester Roms holen diese wie jene nach und nach, damit sie in den Sank-tuarien ihrer Kirchen als Bischofsstühle dienen, in der Konfession die Ge-beine irgendeines Heiligen aufnehmen, oder in der Taufkapelle als Beckenverwandt werden. Aber ihrer manche und viele Statuen bleiben verlassenstehen, bis sie das einstürzende Gemäuer erschlägt oder der Schutt für Jahr-hunderte begräbt.
Der menschliche Geist ist unfähig, sich in die Seele des Römers aus der Zeitdes Narses zu versetzen und nachzuempfinden, was er empfand, wenn er dasverwitternde Rom durchwanderte und die weltberühmten Werke des Alter-tums, alle die zahllosen Tempel, Triumphbogen, Theater, Säulen oder Stand-bilder zugrunde gehen, oder schon hingestürzt liegen sah. Die VerödungRoms nach der epochemachenden Katastrophe unter Totila, in der erstenZeit der byzantinischen Herrschaft, als sich das an Zahl geringe Volk, vonHungersnot und Pest gegeißelt und vom Schwert der Langobarden bedroht,in der weiten Stadt der Cäsaren verlor, zu schildern, mag sich die Phantasie
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