DIE GERMANEN IM RÖMISCHEN REICH
Die Germanen waren Roms grimmigste Feinde und seine besten Freunde.Es ist ein wunderbarer Gegensatz, wie nur die reiche germanische Natur mitihren Vorzügen, Schwächen und scheinbaren Widersprüchen ihn zeigenkonnte. Rom war den Deutschen das ideale Zentrum, nach dessen Herrlich-keiten ihre Sehnsucht sie unablässig drängte. Sie äußerten diesen Trieb aufdie furchtbarste und die friedfertigste Weise. Sie raubten unbarmherzig undunersättlich die Reichtümer des Imperiums; sie metzelten seine Bürger undseine Heere nieder; sie zeigten dabei eine Verschlagenheit, welche sie als dietreuloseste aller Nationen in Verruf brachte. Ihr Haß des friedlichen Lebensund Fleißes war berüchtigt, ihre Trägheit auf der Bärenhaut am Herde einGegenstand römischer Schilderungen, ihre Kriegswut ein Gegenstand römi-schen Entsetzens, ihr Stolz wurde als Übermut gebrandmarkt, ihre Freiheitbeneidet. Und dieselben Deutschen besorgten fleißig und friedlich den römi-schen Boden, den ihre eigenen Hände vielleicht soeben verwüstet hatten.Demütig fügten sich die stolzen Krieger unter die harten Bedingungen desKolonats und unter die Geißel eines strengen Patrons. Sie gaben freiwilligihre teure, auf heimischem Boden so heroisch verteidigte Freiheit auf, botenihre Kraft den Anforderungen des römischen Dienstes, ihren Rücken demStocke der Centurionen dar. Sie beschützten das Reich gegen ihre blondenStammesgenossen, gegen ihre eigenen Sippen, Brüder und Väter, von denensie abgefallen oder durch das Los der Kriegsgefangenschaft gerissen waren,mit einer hingebenden Treue und Tapferkeit; sie dienten den Kaisern, derenWaffen sie soeben bekämpft und empfunden hatten, mit einer Aufrichtigkeit,daß man sie, die verschlagensten aller Menschen, sehr bald den feigeren undtreuloseren Römern in den wichtigsten römischen Lebensverhältnissen vor-zog. Ihre fortwährenden Einbrüche verursachten und vergrößerten nichtzum geringsten Teil das Zusammensinken des Reiches. Sie bemerkten fastimmer dessen innere Erschütterungen, und nutzten sie rüstig aus, währendsie seine vorübergehende Befestigung sogleich in ihren fernsten Gebirgenund Wäldern empfanden. Und gerade die Deutschen halfen dieses feindliche,anlockende Reich immer wieder neu befestigen, soweit dies noch möglichwar. Rom zitterte vor den Germanen und konnte nicht mehr ohne sie leben.Es zog sie freundlich zu sich herüber, pflegte sie auf jede Weise, unterwarfsich ihnen unter dem durchsichtigen Schein, sie unterworfen zu haben, haßte,verachtete und bewunderte sie, und wurde doch endlich, gerade von den auf-genommenen Germanen, vernichtet. —■ —
Constantin der Erste war es, der ihnen eine höhere Bedeutung einräumte.Wäre Dankbarkeit eine Tugend dieses herzlosen, aber fein und großartigkalkulierenden Monarchen gewesen, so könnte man auch sie unter seineGründe zählen. Constantin verdankte den Germanen soviel wie Alles: aufdie erste und auf jede höhere Stufe seiner Macht hoben ihn die Germanen.Als sein Vater, Constantius der Blasse, zu York gestorben war, hatte Con-stantin nach dem Thronfolgesystem Diokletians keine Aussicht auf das Diadem.Der Alamannenkönig Croch, welcher an der Spitze einer zahlreichen Schar
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