Volkstum zum Kampf gegen die alternde, antike Welt herausforderte, wurdeallgemein empfunden. Und dies Gefühl der Scheu und des Schreckens ver-loren die Römer seitdem nicht, wie oft sie auch über germanische Heeresiegten. Dieselbe unbestimmte Furcht lauerte hinter ihrer Freude, wenn siegefangene Fürsten der Deutschen im Triumph aufführten, wenn ihr Fußauf römischer Türschwelle an einen berauschten deutschen Trabanten ihresKaisers stieß, wenn die deutschen Gefangenen im Amphitheater einanderniedermetzelten, wenn die kaiserliche Staatskunst Germanenhäuptlinge be-stach, verderbte und mit Herrengewalt absetzte. Vier Jahrhunderte ver-gingen, in denen der Germane dem Bürger der weltbeherrschenden Stadtalltäglich und vertraut wurde. Immer aber haftete in den Seelen der Römeretwas von dem überwältigenden Eindruck, den die Fremden zuerst in denJahren des Marius gemacht hatten. Nicht nur das Stadtvolk von Rom starrtenach dem Geschlecht der fremden Riesen. In unablässiger Sorge hingenauch die Blicke des römischen Staatsmannes an der Nordgrenze des Reiches,dort drohten zwischen einzelnen unfruchtbaren Siegen die größten Nieder-lagen, die ärgsten Demütigungen, eine nie endende Gefahr von Menschen,welche überreich hatten, was die besten der Römer schmerzlich an ihremVolke vermißten.
Was dem Italiker auffiel, war zunächst die Naturgewalt des fremden Volkes:die hohen Leiber, das blonde Haar, die weiße Haut mit dem milden Rot derWangen, der scharfe und trotzige Blick der blauen Augen. Mit Wohlgefallensah der Römer auf die kräftigen Züge des deutschen Antlitzes, er fand nichtsNationales darin, was seinen Schönheitssinn abstieß, wie zum Beispiel die Ziegen-augen in den einförmigen Gesichtern der Perser. Daß germanische Stattlichkeitauch von dem modischen Rom gewürdigt wurde, beweisen die Versucherömischer Damen, sich ein deutsches Aussehen zu geben durch blonde Per-rücken, deren Haar aus Deutschland zugeführt wurde, und durch Benutzungder rötlich färbenden Haaröle und Seifen, womit die Krieger der Germanenihr langes Haar vor der Schlacht strählten. So schön erschien der jugendlicheLeib der Deutschen dem Südländer, daß der Christenglaube den Boten desHerrn, den Engeln und einigen Heiligen germanischen Typus verlieh. Alsder römische Stadtpräfekt, welcher später Papst Gregor I. wurde, auf demSklavenmarkt Knaben aus Angeln aufgestellt sah, welche ein Händler im-portiert hatte, frug er vor den blonden Locken, den weißen Leibern und holdenKindergesichtern: „Woher sind sie zugebracht?" „Von der Insel Britannien,dort sehen die Menschen so aus." Wieder frug er: „Sind die Leute dort Chri-sten oder Heiden?" Man sagte ihm: „Sie sind Heiden." Da seufzte er tiefund rief: „Wehe, daß der Geist der Finsternis Menschen umfängt, die solchstrahlendes Antlitz haben; lieblich sind die Locken ihrer Stirn und doch ent-behrt ihre Seele der ewigen Huld. Wie heißt ihr Volk?" — Man versetzte:„Sie werden Angeln genannt!" —■ Und er rief: „Mit gutem Fug, denn siehaben ein Engelsangesicht und sollten Miterben der Engel im Himmel sein."Darauf ging er zum Papst und bat diesen, den Angeln einige Diener desWortes zu senden, und erbot sich selbst zu dem Werk. (Gustav Freytag,Bilder aus der deutschen Vergangenheit, 1867.)
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