Druckschrift 
2 (1926) Sicht in Vorzeit und Mittelalter
Entstehung
Seite
17
Einzelbild herunterladen
 

wilde Jäger aber ist kein anderer als Wodan, der König der Lüfte, der zurZeit der Wintersonnenwende die Holzweiblein jagt, das heißt der Sturm, der injenen Nächten die Bäume im Walde knickt; man entgeht dem wilden Jäger,wenn man ein Feldkreuz umklammert; an dem Zeichen des Christentumsbricht sich des Heidengottes und des Teufels Gewalt. (Felix Dahn, Bausteine,1879/84.)

GERMANISCHE SCHLACHTORDNUNG

Wie die Phalanx für die Hellenen, wie die Legion für die Römer, so war fürdie Germanen der Keil altnationale Schlachtordnung. Und wie noch Vegetiusmeinte, die Legion scheine von einem Gotte erfunden zu sein, so berichtetnoch der im 12. Jahrhundert lebende Saxo Grammaticus, daß es Odin selbstgewesen sei, welcher in grauer Urzeit dem Könige Hadding an der Nor-wegischen Küste gewiesen habe, sein Heer in keilförmiger Ordnung auf-zustellen: in der ersten Reihe der Angriffsmasse zwei Mann, in der zweiten vier,in der dritten acht und so fort, bis sich zuletzt die Bogenschützen und Schleudereranzuschließen gehabt hätten. Dieselbe Sage erzählt er übrigens nachhernoch einmal von dem Dänenkönige Harald.

War es ein wesentlicher Vorzug der dorischen und makedonischen Phalanxund nicht minder der römischen Manipular- und Kohortenlegion, daß sichdiese taktischen Formen in unmittelbarer Wechselwirkung befanden mit densozialen und politischen Gruppierungen der betreffenden Völker, so standauch die innere Anordnung des germanischen Keiles in engen Beziehungenzur Gliederung des Volkes. Alle taktischen Formen sind nur bedingungs-weise gut oder schlecht zu nennen. Durch den moralischen Gehalt und Ein-fluß des Nationalcharakters können auch die Mängel solcher Formen, soweitsie eben diesem Charakter entsprechen, ausgeglichen, ja zu Vorzügen er-hoben werden, während die geistvoll erfundene, aber mit dem Wesen desVolkes nicht harmonierende Form lähmt und herabstimmt. Wie bei denDorern die Enomotien, die geschworenen Kameradschaften, als kräftigePfeiler innerhalb der lebenden Mauer der Phalanx erscheinen, so bei denGermanen die Familien und Geschlechtsgenossenschaften, und wie die grie-chische Phalangentaktik von der Heroenzeit bis zu der der Diadochen dieformale Grundlage der gesamten Taktik bleibt, so erhält sich auch der Eber-kopf länger als ein Jahrtausend ungeschwächt und ungebrochen als leben-diger Ausdruck des Volkstums auf den Schlachtfeldern der Germanen. Inreinster Keilform, einen einzigen Mann, den Bannerträger Ingo an derSpitze, kämpft König Odos Frankenschaar im Jahre 892 bei Mons Panchei(Montpensier) und noch bei Hastings, also gegen Ende des XI. Jahrhundertsgriffen die Angelsachsen im Keile an.

Die uralte Gliederung der Wehrmannei nach Geschlechtern hat sich bei dennördlichen Stämmen der Deutschen sehr lange, bei den Diethmarschen garbis ins 16. Jahrhundert erhalten. Noch in dieser späten Zeit gliederte dieserStamm sich nach Geschlechtern, und nachSchlachten", welche unterFührung ihres Vormannes in den Kampf zogen. So war es im germanischenAltertume bei allen Stämmen. Innerhalb des Keiles ordnete sich die Mann-

2 Wolters: Der Deutsche. II. j«