haben, durchdringt das Innerste des Heldencharakters. In nordischen unddeutschen Sagen kommt es häufig vor, daß der Held in früheren Jahren sichstumm oder träge, oder ungebärdig und ungelehrig anläßt, bis die Stundeschlägt, wo plötzlich die eingeborene Trefflichkeit aus dem Schlummer auf-wacht. Jener innern Verhüllung entspricht der gedrückte Zustand, dareinder Jüngling gewöhnlich versetzt ist, wie dort die Königssöhne als Hirten-knaben dienen. Der Heldengeist scheint einem besonderen Gesetze der Ent-wicklung zu folgen; erst wenn der urkräftige Stamm in die Höhe geschossen,breitet er die Äste aus; zur gewöhnlichen Tätigkeit ungeschickt, bleibt diedämonische Kraft für übermenschliche Werke aufgespart. (Ludwig Uhland,Vorlesungen, 1829/32.)
WALHALL UND GÖTTERDÄMMERUNG
Öffnen wir den Blick nun auch dahin, wohin die freudig sterbenden Heldenaufblicken, wohin der Jüngling Hadding aus der Schlacht entführt und woer mit köstlichem Tranke gelabt ward, von wo der tote Helgi zu seinem Grab-hügel niederkommt und wohin er morgens auf Luftpfaden zurückkehrt, zuden himmlischen Sälen Odins! Abgestreift hat dieser den Hut und den Mantel,die seine Gottheit verhüllten; einäugig aber ist er, weil er das andere Augefür einen Trunk aus der Weisheitsquelle verpfändet hat. Walhall, die Halleder Erschlagenen, heißt seine weite, goldstrahlende Burg. Dort sitzt er amMahle, mit den übrigen Äsen und den Einherien, den Helden, die im Kampfegefallen. Von Schilden ist das Dach, von Speeren die Decke, auch die Wändesind mit Schilden geschmückt, statt mit Teppichen, die Bänke mit Brünnenbelegt und am Abend werden Schwerter in den Saal gebracht, die so hellblinken, daß man keiner anderen Erleuchtung bedarf. Auf Odins Schulternsitzen zween Raben, die jeden Tag die Welt umfliegen und ihm ins Ohr sagen,was sie gehört oder gesehen. Er genießt nichts denn Wein; die Speise, dieauf seinen Tisch kommt, gibt er seinen zween Wölfen. Die Einherien aberessen vom Fleische des Ebers, der jeden Abend wieder ganz ist; sie trinkenden Meth, der unversieglich aus dem Euter einer riesenhaften Ziege fließt.Jeden Morgen rüsten sie sich, gehen hinaus in den Hof, kämpfen und töteneinander; zur Zeit des Mahles aber reiten sie gesund zur Halle zurück undsetzen sich an den Tisch, wo die Walküren ihnen das Trinkhorn reichen.So viel ihrer sind und stets noch kommen, nimmer sind es zu viele, wenn derletzte Kampf naht, wenn die Götterdämmerung hereinbricht. SchrecklicheZeichen gehen ihr voran, Axtzeit und Schwertzeit, Schildespalten, Windzeitund Wolfzeit; Brüder fällen einander, Blutsfreunde bekämpfen sich, keinerschont des andern. Dann kommt von Süden Surtur mit dem flammendenSchwerte, Steinberge krachen und der Himmel berstet, los sind alle Ungeheuerdes Abgrunds. Odin, mit dem Goldhelm und dem Spieße Sungner, der immertrifft, reitet den Einherien voran zur Ebene Wigrid. Er kämpft mit dem WolfeFenrir, von dem er verschlungen wird. Götter und Menschen kommen um,die Sonne verlischt, die Erde sinkt ins Meer, vom Himmel fallen die Sterne,in Rauch und Flamme vergeht der Weltbau. Aber neu und grün hebt die
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