Druckschrift 
2 (1926) Sicht in Vorzeit und Mittelalter
Entstehung
Seite
10
Einzelbild herunterladen
 

sten der eigenen Kraft und dem Schutz, welchen seine Götter der ehrlichenBitte gewährten. Demungeachtet war die geheime Einwirkung der Träume,Weissagungen und Vorzeichen sehr groß, und es ist für uns in vielen Fällenunmöglich, von einzelnen Handlungen des geschichtlichen Helden einenSchluß auf seinen Charakter oder seine Einsicht zu machen, weil wir durch-aus nicht verstehen, was sein Tun gerichtet hat, ob freier Entschluß oderdie geheime Mahnung eines Gottes. (Gustav Freytag, Bilder aus der deut-schen Vergangenheit, 1867.)

WASSERGEISTER

Tanz, Gesang und Musik sind, wie der Elbe, auch die Freude aller Wasser-geister. Gleich der Sirene zieht die Nixe durch ihren Gesang zulauschende

Jünglinge an sich und hinab in die Tiefe.-------Abends steigen dieJungfern

aus dem See", um an dem Tanz der Menschen teilzunehmen und ihre Ge-liebten zu besuchen. In Schweden erzählt man von der lockenden, bezaubern-den Weise desStrömkarl": der Strömkarlslag soll eilf Variationen haben,vonwelchen man aber nur zehen tanzen darf, die eilfte gehört dem Nachtgeistund seinem Heer; wollte man sie aufspielen, so fingen Tische und Bänke,Kannen und Becher, Greise und Großmütter, Blinde und Lahme, selbst dieKinder in der Wiege an zu tanzen. Dieser spielendeStrömkarl" hält sichgern bei Mühlen und Wasserfällen auf. Davon heißt er in Norwegen Fosse-grim. Es ist schon als Überrest heidnischer Opfer angeführt worden, daß mandiesem dämonischen Wesen einschwarzes Lamm" darbrachte und von ihmdafür in der Musik unterrichtet wurde. Auch der Fossegrim lockt in stillen,dunkeln Abenden die Menschen durch seine Musik, und lehrt Geige oderanderes Saitenspiel den, der ihm Donnerstagabendsmit abgewandtem Haupt"einweißes Böcklein" opfert und in einennordwärts" strömenden Wasser-fall wirft. Ist das Opfer mager, so bringt es der Lehrling nicht weiter als zumStimmen der Geige, ists aber fett, so greift der Fossegrim über des Spielmannsrechte Hand und führt sie solange hin und her, bis das Blut aus allen Finger-spitzen springt, dann ist der Lehrling in seiner Kunst vollendet und kannspielen, daß die Bäume tanzen und die Wasser in ihrem Fall still stehen.Obgleich das Christentum solche Opfer untersagt und die alten Wassergeisterals teuflische Wesen darstellt, so behält das Volk doch eine gewisse Scheu undVerehrung bei und hat noch nicht allen Glauben an ihre Macht und ihrenEinfluß aufgegeben: es sind ihm unselige Wesen, die aber einmal der Erlösungteilhaftig werden können. Dahin gehört die rührende Sage, daß der Ström-karl oder Neck für seinen Unterricht in der Musik sich nicht bloß opfern,sondern auch dieAuferstehung" undErlösung versprechen" läßt. ZweiKnaben spielten am Strom, der Neck saß und schlug seine Harfe, die Kinderriefen ihm zu:Was sitzest du Neck hier und spielst? du wirst doch nichtselig!" da fing der Neck bitterlich zu weinen an, warf die Harfe weg undsank in die Tiefe. Als die Knaben nach Haus kamen, erzählten sie ihrem Vater,der ein Priester war, was sich zugetragen hatte. Der Vater sagte:Ihr habteuch an dem Neck versündigt, geht zurück, tröstet ihn und sagt ihm die

10