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2 (1926) Sicht in Vorzeit und Mittelalter
Entstehung
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das belagernde Heer, daß der Stadt ein Unglück drohe und hemmte den Auf-bruch, kurz darauf fiel der Mauerturm zusammen und öffnete dem Heereden Zugang. Wo Götterwille sich nicht freiwillig offenbarte, mußte der Menschnach dem Willen des Gottes forschen. Dem Fragenden gaben die GötterAntwort durch die Loose, welche er warf, durch das Blut, welches auf demOpferstein rann. Ja, der Mensch unternahm die hohen Gewalten zu zwingen,daß sie seinen Willen taten. Das Knüpfen geheimnisvoller Knoten und dasBewahren einzelner Teile von Tieren und Pflanzen, welche den Göttern heiligwaren, vermochte zu schützen oder zu schaden. Gewaltig war die beschwörendeKraft der Worte, welche feierlich aus dem Innern des Menschen brachen;und diese Zauberkraft hing sowohl am Klang der gesungenen Worte, als anden germanischen Buchstabenzeichen, den Runen.

Von den Runen trug jede besonderen Namen, und in der ältesten Zeit wohntejeder, wenn sie mit gewissem feierlichen Brauch eingeschnitten wurde, einebestimmte zauberkräftige Wirkung bei. Denn der Germane gebrauchte seineSchriftzeichen nicht im Tagesverkehr, wie die Völker der alten Welt; seinStreben, alles bedeutsam zu vertiefen und in die Erscheinung einen geheimenSinn zu legen, machte ihm auch die Zeichen gesprochener Laute ehrwürdigund geheimnisvoll. Die älteste Reihe derselben war ihm vielleicht in sehralter Zeit von Griechenland heraufgetragen worden, andere hatte er nachrömischen Buchstaben geformt, ihre Bedeutung war bei den großen religiösenFesten der Eidgenossenschaften festgestellt, ihre Benützung aber erforderteKunst, der Weise wußte, daß sein höchster Gott ihre Kunde mühsam er-worben und daß zu ihrem kräftigen Gebrauch Verschwiegenheit nötig sei.Als die Runen selbst an Würde verloren, wahrscheinlich seit Bekanntschaftmit lateinischer Schrift, wurde das Zauberkräftige ihrer Wirkung abhängiggedacht von den Liedern, welche man dazu sang. Wenige kannten diesegeheimen Lieder, aber viele begehrten sie. Wer die Runen einschnitt in dasReis der Hasel oder eines anderen Fruchtbaumes und dazu das rechte Liedzu singen wußte, der vermochte wunde Glieder zu heilen, die Fesseln desGefangenen zu lösen, den Pfeil in der Luft zu hemmen, den Leib unverwund-bar zu machen, das lohende Feuer zu dämpfen, hadernde Männer zu ver-söhnen, den Sturm und die brandende See zu stillen, die Liebe der Frauenzu erwerben, feindliche Scharen gleich Gespenstern in der Luft zu zerstäuben,und wenn er sein Runenlied vor dem Kampf in den Schild sang, Sieg zu ge-winnen.

Solche Zauberlieder murmelten die Frauen während der Schlacht von ihrerWagenburg und nach der Schlacht über den klaffenden Wunden der Krieger;und Frauen blieben durch das ganze Mittelalter Bewahrerinnen der Heiden-kunst, ihre Hilfe wurde auch von den neuen Christen emsig begehrt, siekochten den Zaubertrank der Fredegunde, womit die Königin ihre Boten zueiner Untat beherzt machte, und jenen anderen Zaubertrank, der in derHeldensage dem Siegfried gereicht wurde, damit er sein Verlöbnis mit Brun-hilde vergesse. Gläubig ersehnte der Germane die Zauberhilfe; aber schonin der Heidenzeit galt sie für unheimlich, sie mochte dem Erwerber zuletztdoch Unheil bringen statt des Glücks, der wackere Mann vertraute am lieb-