Dies Leben der Mannen im Banne des spendenden Hauses ging fort, bis diehohe Schicksalsfrau den Wirt grüßte; durch seinen Tod wurde den trauerndenMannen der Methsitz entrissen, ihr Leben freudelos. Fiel er in der Schlacht,so suchten sie ihm nachzueilen auf dem Todespfade. Die Überlebenden aberschufen ihm festliche Bestattung. Auf hohem Holzstoß wurde der Leichnamverbrannt mit seinem kriegerischen Rüstzeug, mit Leibroß, Hunden undFalken; oder um den Toten, der auf seinem Rosse saß, wurde der hohe Leichen-hügel aufgeschüttet und die Edlen umritten mit Klagegesang die Trauer-stätte. War aber der Verstorbene Häuptling eines seefahrenden Volkes,dann wurde der freudelose Leichnam in die Höhlung des Schiffes zumMäste gelegt, um ihn Schätze, Kriegswaffen und Kampfgewand, an denMast über seinem Haupt wurde sein Banner geschlagen, das Strandseil ge-löst und der Tote mit günstigem Fahrwind in die hohe See gesandt, damitdie Götter ihn empfingen. (Gustav Freytag, Bilder aus der deutschen Ver-gangenheit, 1867.)
ISLÄNDISCHES HELDENBILD
Wir lernen aus den Erzählungen genau kennen, welche Dinge der Isländeram Manne schätzte. Manche Tugenden des Leibes und der Seele, von derSchwimmkunst bis zur Dichtkunst, lobte man und pflegte man: aber siekonnten fehlen, ohne daß der Mann verächtlich wurde. Was man verlangteund was, wo es über das gewöhnliche Maß hinausging, in allererster Liniedie Bewunderung weckte, war der Komplex von Eigenschaften, die den Kriegerausmachen.
Bloße Kraft und Waffenfertigkeit ergäben einen Holmgangsmann: zumHelden brauchte es noch die Beherztheit, der Übermacht zu trotzen, dieSelbstbeherrschung im Ertragen von Wunden und seelischen Erschütterungenund den vornehmen Sinn, der sein Kriegertum nicht an unwürdige Zielewandte. Nicht jeder ist ein ausgezeichneter Held; aber ein gewisser Gradvon Waffentüchtigkeit und der Fähigkeit, Menschenblut zu vergießen, wirdvon den Sagas so vorausgesetzt, wie das Lesen und Schreiben in einem heutigenBürgerroman. Der Mann, dem jene Fähigkeit zu mangeln scheint und dersich dann zu tapferer Tat erhebt, ist eine wirksame Figur: Einer, der dieseErwartung dauernd täuschte, wäre nicht einmal als komische Gestalt inunsern Sagas aufzufinden. Das männliche Ideal des Kriegers herrscht soeinseitig, daß es dem des Dichters, des Rechtskundigen, des Geschäftsmanneseinen ganz schmalen Raum läßt; auch würden diese Typen, sobald sie Feig-heit in der Abwehr bekundeten, ohne Gnade entwertet.Schon die Erziehung des Knaben wird geleitet von diesen Gedanken. Wasauf den scharfen Beißer deutet, das verspricht für die Zukunft. „Er warfrüh eigenwillig", ,,es war schwer mit ihm auszukommen": solche Sätzebedeuten keinen Tadel. Die Wertschätzung des Mannes geht aus von einemZeitalter, dem die „äußere Lebenssekurität" in sehr geringem Grade eignet.Das erste war, daß einer sich und die Seinen schützen konnte in dieser Weltvoll Gefahren. Daraus folgten die anderen mehr aggressiven Eigenschaften.