dann nahm sie seine alte Hand, und drückte deren Finger gegen ihre Augen, ihre Stirne, ihrHerz — den Kuß kannte sie nicht, weil sie keine Mutter hatte, — er aber gab nie einen, daer häßlich war. .
Weil Ditha während ihrer Blindheit fast immer gesessen war, oder ihre Füße nurschwach in Bewegung hatte setzen können, wenn sie ging, ja weil sie einen bei weitem größerenTheil ihrer Zeit in dem Bette zubrachte, als außerhalb desselben, so war ihre Entwicklung sehrlangsam gegangen, und obwohl sie, da ihr das Licht der Augen zu Theil geworden war,schneller als früher, fortschritt, so kam doch die Zeit der Reife bei ihr später, als sie sonst zukommen Pflegt. Sie war schon sechzehn Jahre alt, als sie an jenem Zeitpunkte angelangt zu seinschien. Ihr früheres drängendes Wesen stillte sich, das Auge wurde milder und schmachtender,und die Glieder waren schlank und freudig, wie bei jedem vollkommenen Wesen dieser Erde.
Abdias that sich absichtlich einen Schmerz an, oder er opferte etwas Liebes, damit nichtdas Schicksal ein Größeres begehre.,
Wie bei allen Mädchen in dieser Zeit große Veränderungen vor sich gehen, wie nament-lich in Ditha's Stamme eine ruhige Schlankheit des Leibes und ein zartes Scheuen des Blickesdas Hcreintreten des Jungfrauenalters anzeigen, so war dieses bei Ditha ganz besonders derFall. Ihr körperliches Wesen schien in der That in einer Art Spannung zu sein, und obwohlsie freudig und heiter und fast so kühn, war, wie früher, so war es doch, als sei ein Ausdrucksüßen Leidens über sie ausgegossen.
Es war eben Sommer und die Zeit der Ernte.
Ditha ging zu dieser Zeit an einem Nachmittage, der den andern Leuten recht heißvorkam, über den Hügelsaum eines Kornfeldes empor, das der Vater am Tage vorher hatteabmähen lassen. Sie ging so lange, bis sie an dem oberen Rande angekommen war; denn siehatte dort ein Feld mit Flachs, den sie spät gesäet hatte, zu dem sie sonst, da das Korn stand,immer mit Umwegen hatte gelangen müssen, und der jetzt alle Tage in Blüthe zu brechenversprach. Sie war ganz allein durch die Stoppeln empor gegangen, und stand ganz allein,die höchste Gestalt, auf dem Saume der Anhöhe, wenn man den weiter draußen stehendenFöhrenwald ausnimmt, dessen Wipfel noch näher an dem Himmel hinzuziehen ^ schienen. Aufdem Kornfelde hatten sie die Knechte des Abdias hinauf gehen gesehen, die eben über dasselbeKornfeld nach Hause kehrten, weil sie ein Gewitter fürchteten. Sie kümmerten sich aber nichtweiter um sie. Nur einer, da er ein wenig später den Vater sah, der Ditha zu suchen schien,sagte, wenn er seine Tochter suche, sie sei oben auf dem Bühel. Wirklich hatte sie Abdiasgesucht; denn die zarte Wolkenwand war dichter geworden und schob sich über den Himmelempor, obgleich an dem größeren Theile desselben noch das reine Blau herrschte, und dieSonne noch Heister nieder schien, als früher. Er stieg also, da er von dem Knechte die Nach-richt erhalten hatte, über dasselbe Kornfeld, das wir erwähnten, empor, sah Ditha am Randedes Flachses stehen, und ging ganz zu ihr hinzu. Das Feld war über und über in blauer