Druckschrift 
Abdias
Entstehung
Seite
70
Einzelbild herunterladen
 

ging zu ihrem Bette, in dem sie meistens roth und gesund, wie eine Rose schlummerte. Dannsah man ihn in dem Garten herum gehen, und dies und jenes anschauen uno befestigen.

Aus Büchern lesen, oder sonst etwas lernen hatte er Ditha nicht lassen; es war ihmnicht eingefallen. Von fremden Menschen kam nie einer in das Haus des Abdias herein, undwenn ein Wanderer in das Thal kam, so sah man ihn höchstens mit der hohlen Hand aus demBache trinken, und dann weiter gehen. Die Knechte des Abdias bearbeiteten seine Felder, thatenwie er anordnete, führten das Getreide auf den Markt, und brachten das bestimmte Geld heim,das Abdias immer voraus wußte, wie viel es sein mußte, weil er die Marktpreise kannte. Sonstwaren sie meistens unter sich und in dem Gesindehause, das am andern Ende des Gartens stand;denn obwohl sie hier aus dem Volke seines Glaubens genommen worden waren, hatten sie docheine Scheu vor ihm und seinem abenteuerlichen Wesen. So waren auch die andern Diener.Die Zofe Ditha's saß schier immer in der Stube, weil man sie hatte aus der Stadt kommenlassen, sie nähete Kleider oder las; denn sie haßte die Luft und die Sonne. Abdias und Dithawaren immer draußen. Als er Bäume gepflanzt hatte, damit sie Schatten geben, hatte er denHimmel Europa's nicht gekannt, oder nicht auf ihn gedacht; denn sie brauchten hier kaum einenSchatten. Wenn eine heiße Sonne schien, daß jedes Wesen ermattet war und Wohnung oderKühle suchte, saß Ditha gerne auf dem Sandwege des Gartens unter abgefallener Bohnen-blüthe, und ließ die Mittagsstrahlen auf sich niederregnen, indem sie leise eine Weise sang, diesie selber erfunden hatte. Abdias aber, in dem weiten Talare, mit den funkelnden Augen,weißem Haupte und Barte, saß auf dem Bänkchen an dem Hause, und glänzte im Mittags-scheine. So wuchs Ditha auf, gleichsam neben Erlen, Wachholder und anderm Gesträuche derschlanke Schaft einer Wüstenaloe so waren sie allein, und auf dem Thäle lag gleichsam eineöde afrikanische Sonne.

Er hatte nach Europa verlangt, er war nun da. In Europa wurde er nicht mehrgeschlagen, sein Eigenthum wurde ihm nicht genommen, allein er hatte den afrikanischen Geistund die Natur der Einsamkeit nach Europa gebracht.

Oester saß Ditha oben an dem Getreideabhange, bis wohin Abdias ganz nahe an demFöhrenwalde seine Anlagen ausgedehnt hatte, und betrachtete die Halme des Getreides, oder derGräser, die darin wuchsen, oder die Wolken, die an dem Himmel zogen, oder sie ließ Gräser-samen über die graue Seide ihres Kleides rieseln und sah zu, wie er rieselte. Abdias kleidetesie nämlich gerne reich, und wenn sie nicht in dem von ihr noch immer sehr geliebten Linnenging, so ging sie in dunkelfarbiger Seide, entweder blau, oder grau, oder violett, oder schwach braun aber niemals schwarz. Der Schnitt ihres Kleides war wohl von Ferne dem europäischenähnlich, da die Kleider von ihrer Zofe gemacht wurden, aber er mußte immer so sein, daß dieKleider weit und faltig um sie hingen, da sie von ihrer Heimat her an keinen Druck gewöhntwar, und keinen litt. Oester stand sie auf, wenn sie lange an dem Rande des Kornes gesessenwar, und wandelte allein an dem Saume des Getreides dahin, daß ihre Gestalt weit in dem

70