Mädchen und Frauen, welche Gewitter gewöhnlich fürchten. Sie liebte dieselben, und wenneines wo immer am Himmel stand, ging sie hinaus, um zu sehen, ob es komme. Einmal inder Dämmerung einer sehr gewitterschwülen Nacht, da sie eben an dem offenen Fenster standund den entfernten Blitzen zusah, bemerkte Abdias, der hinter ihr in einem Stuhle saß, daßein leichter, schwacher, blasser Lichtschein um ihr Haupt zu schweben beginne, und daß dieEnden der Seidenbändchen, womit ihr Haar gebunden war, sich sträuben und gerade empor-ständen. Er erschrak nicht, denn gerade dieses war auch die Erscheinung gewesen, die bei ihmin der Jugend öfters ohne Veranlassung und in späteren männlichen Jahren bei starker Erreg-ung wahrgenommen, und ihm von seiner Mutter mehr als einmal erzählt worden war. Er istgewöhnlich, wie die Mutter sagte, zu solchen Zeiten sehr heiter gewesen, oder ist sehr starkgewachsen. Einen Nachtheil aber hatte die Erscheinung für seinen Körper nie gehabt. Abdiasblieb ganz stille hinter Ditha in dem Stuhle sitzen, und sagte ihr nichts von dem, was er anihr sehe. Er hatte ohnedem gleich nach dem Tage, an welchem der Blitz in Ditha's Zimmergefahren war, ihre Schlafstelle in ein anderes Gemach verlegt, jetzt da er diese Erscheinungwahrgenommen hatte, ließ er auch sogleich Blitzableiter auf das Haus setzen, wie er sie anmehreren Orten Europa's gesehen hatte. Er erinnerte sich jetzt auch, daß ihm einmal imMorgenlande erzählt worden war, daß wenn es Nachts an dem Himmel blitzte und ein Gewitternicht auszubrechen vermöge, die Blumen unten manchmal eine leichte Flamme aus ihrem Kelcheentlassen, oder daß gar ein fester ruhiger Schein darüber steht, der nicht weicht und doch nichtdie Blätter und die zarten Fäden verbrennt. Ja diese Blumen sind dann gar die schönsten.
Abdias beobachtete nun Ditha genauer, und sah die Erscheinung in diesem Sommernoch zweimal an ihr. Im Winter war nichts zu bemerken.
Das zweite, was Ditha eigenthümlich und von andern Menschen abweichend hatte, warwohl nur eine natürliche Folge ihrer Verhältnisse, die von allem. verschieden waren, was Men-schen gewöhnlich begegnen kann, es war die Folge ihres früheren Zustandes und ihrer einsamen
Entwicklung. Wie nämlich bei andern Menschen das Tag- und Traumleben gesondert ist, wares bei ihr vermischt. Bei andern ist der Tag die Regel, die Nacht die Ausnahme: bei ihr. war der Tag vielmehr das Ausgenommene. Ihre vergangene, lange, vertraute Nacht reichtenun in ihren Tag herüber, und jene willkührlichen von andern Menschen nicht verstandenenBilder ihrer in'nern Welt, die sie sich damals gemacht hatte, mischten sich nun unter ihreäußeren, und so entstand ein träumend sinnendes Wesen, nur zuweilen von einem schnell han-delnden unterbrochen, wie es eigentlich Abdias Natur war; es entstand eine Denk- und Rede-weise, die den andern, welche sie gar nicht kannten, so fremd war wie wenn etwa eine redendeBlume vor ihnen stände. Sonst einsam in ihrer Nacht sitzend war sie auch jetzt gerne allein,oder mit ihrem Vater, der sie sehr gut verstand. Aus jener langen Nacht mochte es auch
Herkommen, daß sie nicht die brennenden, sondern die kühlen und dämmernden Farben vorzugs-
weise liebte, und darunter wieder das Blau. Als sie einmal etwas weit von ihrem Hause