Auflösung. 777
(26. Jan. 1836) die Cortes auf, weil sich in denselben eine zweifache Opposition, derExaltados und Moderados, gegen ihn gebildet hatte. Dasselbe that Mendizabal's Nach-folger, der Minister Jstuciz, weil auch ihm der gleiche Widerstand begegnete (22. Mai1836). Weder Jener noch Dieser zog aber aus der nur auf den persönlichen Vortheil —das Verbleiben auf der Ministerbank — berechneten Maßregel Gewinn ; denn es ist Grundvorhanden, anzunehmen, daß die genannten Auflösungen die Revolution von la Granja(12.—13. August 1836) beschleunigt haben. Die Klugheit rieth, den freiwilligen Rück-tritt zu wählen. — Als die am 1. Sept. 1839 eröffnten Cortes wegen ihres Widerstandesgegen mehrere reaktionäre Regierungsvorschläge am 18. Nov. 1839 aufgelöst wurden,war dies der Anlaß zu Espartero's kühnem Schritte gegen die Königin, der mit Abdankungder Letztem und Erwählung Jenes zum Regenten endete (8. Mai 1841).
In Portugal löste die leichtsinnige, unerfahrene Königin Maria da Gloriadie Cortes zweimal auf, weil dieselben ihrem Gemahl, dem Prinzen Ferdinand, denOberbefehl über das portugiesische Heer zweimal verweigerten. Die Wirkung des über-müthigen Verfahrens blieb nicht aus; dasselbe erzeugte allerwärts eine drohende Währung,welche, auf die Nachricht der siegreichen Revolution von la Granja, in einen offenen Aus-stand ausbrach, den die Königin nur durch Nachgeben zu stillen vermochte.
Als das norwegische Storthing von 1833 der Einführung des absoluten königlichenVeto beharrlichen Widerstand entgegensetzte, hütete sich Karl XlV. Johann wohlweis-lich, durch eine Auflösung des Storthings die Durchsetzung seines Willens zu versuchen ;erst im Jahre 1836, als mit dem Storthing über keinen einzigen Gegenstand sich ver-einbart werden konnte, sah er sich zu dessen Auflösung genöthigt.
In Deutschland kommen in der kurzen Zeit des Bestehens des constitulionellenSystems die meisten Beispiele von Kammerauflösungen auf. Der Grund ist einfach der.Während in den freieren Staaten England und Frankreich den Regierungen, wenn sie sichin der Alternative befinden, entweder die Kammer aufzulöscn, oder das Ministerium zuentlassen, das Erste wegen zu befürchtender Volksaufregung immer bedenklicherscheinenmuß als das Zweite, so ist in Deutschland das Umgekehrte der Fall. Hier ist eine Mi-nisterveränderung etwas Ungeheueres, während die Heimschickung einer Deputirtenkam-mer für etwas ganz Harmloses gilt. Weiß man doch, daß die guten Bürger sich vonNeuem — so folgsam wie vorher — zu den Wahlen einsinden und, wenn vielleicht auchanfangs zu Oppositionswahlen geneigt, den Einwirkungen der Beamten und Einflüsterun-gen freiwilliger Serviler zuletzt erliegen werden. Schon der Umstand, daß in Deutschlanddie Minister nicht auf parlamentarischem Wege zu ihren Posten gelangen ; dann disNothwendigkeit der Pensionirung jener Staatsdiener, die in jenen Staaten gleichfallsnicht stattsindet, erschwert solche Veränderungen; dann aber widerstrebt cs derEitelkeit deutscher Fürsten, ein Individuum, das sie einmal durch ihren Gnadenblickaus der Reihe der Menschen hervorgehoben, dem Willen einer bürgerlichen Kammerzu opfern; mag ein Ministerium mit seinen Anträgen noch so oft in der Kammer erliegenund aus noch so gerechten Ursachen, der Fürst behält seine geschlagenen Diener bei, tröstetsie über die erlittene Unbill und schickt die Kammer, nachdem er ihr eine Strafpredigtwegen ihrer Ungezogenheit gehalten, nach Hause- Daß endlich ein deutscher Minister,wenn er die Majorität gegen sich hat, seine Stelle selbst aufgebe, um eine Auflösung zuersparen —- ist zu viel verlangt. Jene Herren kennen die Süßigkeit des Ministerpfühlszu gut, als daß sie dieselbe aus purer Empfindlichkeit über Angriffe bürgerlicher Schreieraufgäben, und was den Punkt der Ehre betrifft, so glauben sie leicht darüber hinweg-sehen zu dürfen, da ihnen ja immerhin ihre Standes- und Cavaliersehre bleibt, hinterder die Schätzung der öffentlichen Meinung weit zurücksteht. Daher hat man cs erst ein-mal erlebt, daß ein deutscher Minister — der Herr von Schenk in Baiern — vor den An-griffen einer Kammer zurücktrat und dadurch den Ausspruch Liebenstein's erschütterte:„Ein deutscher Minister unterzeichnet Alles, nur nicht seine eigene Abdankung."— Dahin,daß daS Ministerium, wenn es die Majorität gegen sich hat, regelmäßig zum Rücktrittsich bereit zeigt, wird es bei uns freilich noch lange nicht kommen; es kann aber von einer