42 Allgemeine enctiklopädiscbe Uebersickt
Behandlung der Religion von Seiten der Geistlichkeit den religiösen Unglaubenhervorrief.
So nun verloren immer mehr alle Glieder des gesellschaftlichen Lebens,Adel und Geistlichkeit, die zünftige Bürgerschaft und der Bauernstand, die Krie-ger, die Gelehrten, die Beamten, ebenso wie die Theorie und die Praxis undbeider verschiedenen Theile, ebenso wie die Regierung und das Volk, die leben-dige Harmonie und Verbindung unter sich und mit dem Ganzen und seiner Seele,geriethen in Erstarrung oder anarchischen Streit. So erstarb immer mehr dieGerechtigkeit und Freiheit, die Sittlichkeit und Kraft in den Staaten. So zer-fielen Reiche und Throne, oder der Verzweifllungskampf der besseren Lebens-kräfte gegen die wachsende Krankheit droht ihnen, oder brachte ihnen bereits re-volutionäre Verwirrung. Niemand fühlte sich und sein Eigenthum fortan nochsicher in dem baufälligen, in dem anker- und steuerlosen Staatsschiffe.
Die zweite Haüptursache jenes verworrenen leidenschaftlich erbittertenParteistreites aber lag in demKampf der Interessen, in dem Kampf umden Besitzstand und in einem Mangel der patriotischen Gesinnungen. Aehn-lich, wie in der Seegefahr die Stellungen geändert^ Unfähigbefundene von wich-tigen Posten entfernt, früher Müßige zur Arbeit genöthigt, Gefangene befreit,Schiffsgüter aufgeopfert werden müssen — ähnlich erzeugten auch im großenStaatsschiffc die geschilderten Zerrüttungen und Gefahren die Nothwendigkeit vonVeränderungen und Aufopferungen. Und noch bedenklicher wirkten jetzt die Ent-deckungen, wie vieles von dem bisher Besessenen ursprünglich nur durch Unrechtund Anmaßung erworben war. Die so entstandene allgemeine Erschütterung -unddie Nothwendigkeit derVeränderung des Besitzstandes erzeugte, sobald die Momentedes ersten Schreckens und einer großherzigen und weisen Aufopferung für bil-lige Vergleiche vorüber waren, einen Kampf sowohl zur Erwerbung und Wie-dererwerbung, wie zur Vertheidigung von Rechten, Freiheiten und Gewalten,einen Kampf, der oft aus Selbstsucht, oft auch im besten Glauben an unan-greifbares oder an unverjährbares Recht der Streitenden und ihrer ganzen Claffcund an die Heilsamkeit dieser Rechte - fast immer jedoch mit dem Eifer undder Leidenschaft des Kriegs, mit der natürlichen Verstimmung durch Ungemachund Angst und durch Zorn über unbilligen Angriff, und mit der jetzt leiden-schaftlichen Verleugnung und Entstellung der wahren Grundsätze geführt wurde.Vorher nur, wie zur geistigen Unterhaltung, gegenübergestellte Theoneen, nur einsei-tige, nebeneinander hingehende Richtungen gingen nun über meinen feindseligenGegensatz, in einen erbitterten blutigen Vernichtungskrieg. Bald bewußt, bald un-bewußt verblendet und verleitet durch Selbstsucht oder durch Kriegseifer, bald ausFurcht und Abscheu vor verderblichem und feindseligem Mißbrauch, haßten und ver-folgten jetzt oft Freunde geistiger und politischer Freiheit nicht blos das unvernünf-tige, nein alles historische Recht, nicht selten sogar, wie Voltaire und die franzö-sischen Encyklopädisten und Jacobiner, selbst die Religion. Die Histo-rischen und die Bevorrechtete n dagegen hielten es ebenso mit der Aufklärung,mit der Freiheit und dem Vernunftrecht. Nicht etwa mehr der Misbrauch, neindas unzweifelhaft Gute oder Unschuldige selbst, der christliche Glaube wie dieAufklärung, das Königthum und die Constitution, monarchische Gesinnung undLiberalismus wurden zum Schimpfe, zum Gegenstand des blindesten Hasses.
HU. Das höchste» den Streit vermittelnde Grnndprincip und die Haupt-seiten der StaatStheorie.
In den Ursachen und in der Natur der Krankheit sind auch die Mittelzur Heilung angedeutet.
Es fehlte vor Allem an einer allseitigen gründlichen Auffassung des ganzenWesens, des lebendigen Mittelpunktes und der Harmonie des staatsgescll-> christlichen Lebens, seiner verschiedenen Grundelcmentc, Glieder und Be-