40 Allgemeine enctlklopadische Uebersiebt
ten unserer Cultur und ihrer verschiedenen Entwickelungsstufen. Selbst philoso-phisch sein sollende Theorieen wiederholten unbewußt in flacher Nachbildung solcheeinseitige historische Auffassungen, bald Mosaische, bald JustinianeischeSatzungen.
So verschwand denn immer mehr, und vollends seit der Verbreitung zuerstder französischen materialistischen, dann der Kan tischen formalistischen Theo-rieen, und seitdem zugleich das Bedürfnis eine ganze Reihe äußerlich abgesonder-ter Wissenschaften über die einzelnen Seiten und Verhältnisse des Staatslebenshervorgerufen hatte, die Grundanschauung dieses Lebens, die Auffassung derwahren Einheit und des lebendigen harmonischen Verhältnisses seiner Theile undRichtungen. Es verschwand die Auffassung des Staates als eines lebendi-gen, aber — was unsere neuere Naturphilosophie vergißt — eines durchfreie persönliche Glieder freivereinigten Ganzen, eine Auffassung, welchebei den Alten, ja selbst bei den besten neueren Staatsgelehrten noch bis insachtzehnte Jahrhundert herrschte und welche, bei allerdings noch mangelhafterAuffassung der wahren Rechtsgrundsätze, doch viele und große spätere Verir-rungen ausschloß.
Daher nun überall die Einseitigkeiten und der anarchische Streit der Par-teien und Schulen! Ueberall Begründungen des Staats und der ganzen Staats-theorie nur auf einzelne besondere Seiten oder Richtungen unseres reichen Le-bens, entweder als die alleinigen, oder doch als die allein ursprünglichen undallein entscheidenden!
Hier die verschiedenartigsten individuellen apriorischen Theorieen nach derWindrose aller verschiedenen philosophischen Systeme; Theorieen, welche in denleeren Rahmen ihrer abstrakten und formalistischen Schematismen, ihrer soge-nannten reinen Rechts- und Staatslehren, oder in phantastischen Jdeencon-structionen das wirkliche Leben verstümmelten, oder vergaßen, oder schwärmerischeLuftgebilde aus reiner Freiheit erschufen.
Dort nicht minder verschiedenartige, von allem Idealen sich lossagende Be-gründungen nach oberflächlicher Auffassung einzelner Erfahrungsverhältnisse, Be-gründungen, bald in ihrem rohen Materialismus sich nicht über den Boden derNaturnothwendigkeit und der sinnlichen Triebe erhebend, bald traurige Kano-nisirungen alles gerade Bestehenden, des Positiven oder des angeblich sich ge-schichtlich von selbst Machenden.
Hier liberale Bewegungstheorieen mit neuen Bauplanen, ohne Berücksich-tigung der Bauplätze und Fundamente, mit Anfeindung aller Verschiedenheit desBesitzthums und der Standesverhältnisse und mit Auflösung aller organischenund nationalen Gestaltung und Verbindung der Glieder und Institute des ge-sellschaftlichen Lebens.
Dort aristokratische und servile Stabilitätstheorieen, auf morsche Grundla-gen'sich stützend, vereinzelte Ruinen umklammernd und das in sich zusammen-gesunkene Gerüste kastenmäßig abgesonderter Feudalstände wieder zurückfordernd,oder auch naturphilosophisch den freien Verein freier Menschen in einen willen-losen Naturorganismus verwandelnd.
Hier Untergang der Selbstständigkeit des Rechts und des Staats und derFreiheit in der Moral und Religion, in mystischer Ableitung des Rechts undder Gewalt blos von Gott, mit Verleugnung aller selbstständigen Reckcsform,aller freien vertragsmäßigen Anerkennung, welche man doch selbst bei der ehe-lichen Verbindung für unerläßlich hält, obgleich ja doch auch sie durch die stärk-sten höheren und niederen natürlichen Tnebe bestimmt ist und ebenfalls vonGott kommen und im Himmel geschlossen werden soll!
Dort dagegen Verachtung aller religiösen und sittlichen Grundlagen und eineBegründung, oder besser, eine stets neue Zerstörung aller Rechte und Gewaltennach dem völlig schrankenlosen, rein willkürlichen Belieben der wandelbaren Mehr-