3Y
der Staatswiffensckkaft und tbrer Tbetle.
allen guten und schlechten Waffen kämpfen, vorzüglich seit der französischen Re-volution, in den meisten Landern der heutigen gebildeten Welt leidenschaftlich auf-geregte Parteien, nicht selten ganze Völker mit ihren Regierungen um politischeMeinungen, Grundsätze, Einrichtungen. — Diese Parteien aber, welche in denfrüheren schweizerischen und niederländischen, in den englischen, genferischen,amerikanischen und polnischen Revolutionen getrennt auftraten, kämpfen in un-serer außerordentlichen Zeit durch ganze Welttheile mehr oder minder vereint undim Zusammenhänge.
Bereits in allen Grundfesten erschüttert, großentheils schon in Trümmergesunken, oft auch schon stückweise und ungleichförmig erneuert sehen wir- sodas unermeßliche Bauwerk, welches im Mittelalter Feudalismus und Hierarchiefür das europäische Staats- und Völkerleben errichteten. Ueberall drängen Be-dürfniß und neuer Bildungstrieb zu neuem harmonischen Bau, welcher demneuen, immer reicheren, und doch immer mehr nach Verbindung strebenden, im-mer mehr alle Welttheile in seine Kreise ziehenden Culturleben des europäischenMenschengeschlechts entspreche.
Jetzt müssen also, um der blinden Parteiwuth und Sprachverwirrung derBauleute zu begegnen, vor Allem die Fragen beantwortet werden: Was sinddenn die Ursachen sowohl des Einsturzes des früheren Baues, wie des endlosenStreites über ihn und über den Wiederaufbau? Wo findet sich zur Schlichtungdieses Streites der richtige Anhaltepunkt? Wo für den Neubau der tauglicheGrundriß?
Die eine Hauptursache jenes Streites liegt im Mangel der Theorie,und zunächst allerdings in der unvollkommenen Verbreitung und Anerkennungder wahren vernünftigen Rechtsgrundsätze, zugleich jedoch auch in dem Man-gel der wahren politischen Theorie für ihre lebendige Gestaltung. Ein Haupt-fehler scheint darin zu liegen, daß unsere modernen Theorieen des gesellschaftli-chen Lebens und seiner Gesetze bis jetzt so wenig aus dem Mittelpunkte einesgesunden politischen Lebens selbst hervorgingen und schon deshalb dieses Lebenso wenig in seinem Mittelpunkte und allseitig erfaßten, so wenig alle seine man-nigfachen Kräfte harmonisch leiteten und gestalteten.
Diese Theorieen entstanden entweder in Staaten mit mangelhaftem und rohausgebildeten Staatsleben, z. B. in unbeschränkten, aus verschiedenartigen Massenäußerlich zusammengefügten, monarchischen Ländern, oder in dem immer mehraus einander fallenden deutschen Reiche, oder auch unter unmittelbarem Einflüssepolitischer Revolutionen und Parteikämpfe. Oder sie gingen aus von solchenStubengelehrten, welche, meist selbst nicht mit wahrer Liebe am politischen Le-ben Theil nehmend, zu wenig strebten, es in seiner lebendigen Mitte und allsei-tig aufzufassen, welche vielmehr dasselbe nach dem, auch im wissenschaftlichenGebiete zu einseitig herrschenden Princip der Theilung der Arbeit nur von ein-zelnen, besonderen Standpunkten aus betrachteten. Es giebt in Deutschlandkeine größere Quelle für politische Jrrthümer, als dieses Politisiren vom einsei-tigen Handwerksstandpunkte, von dem des Theologen, Philosophen, Civilisten,nur nicht von dem der Politik, des wahren Staatsmannes und Staatsbürgers.
Hierzu kommt die große Verschiedenheit der Bestandtheile unseres ganzenCulturlebens. In dem Leben der Alten war Einheit. Unsere sämmtlichen Cul-turverhältnisse bestehen aus alterthümlichen, aus christlichen (alt- und neu-testamentlichen, also zum Theil auch orientalischen)'ugd aus germanischenElementen. Das Nebeneinanderbestehen und Jneinandergreifen ganzer römi-scher, kanonischer und deutscher Gesetzbücher im praktischen Recht ist dabeinoch nicht einmal die Hauptsache. Nein, wo wir Hinblicken in Kirche und Staat,überall diese verschiedenen Grundelemente! Ueberall bald etwas Jüdisches und Christ-liches, bald etwas Römisches oder Griechisches, bald etwas Deutsches! UnsereGelehrten aber theilten sich auch wieder in die Bearbeitung dieser einzelnen Sei-