Parteien. 485
Liberalismus entspricht den geraden, der Radikalismus den Adler-, der Conservatismusden dicken, der Absolutismus den (slavischen) Stumpfnasen.
Könnte man nicht auch so schließen, ja hat man nicht sogar schon so geschlossen ?Bluntschli, der consequente Schüler Rohmer's, hat er nicht zuletzt in seiner berühmtenNabeltheorie das ganze Staatsleben in einen Causalzusammenhang mit dem physischenLeben und seinem Organismus in der Weise gebracht, daß er den Nabel zum Mittelpunktder ganzen Politik erhoben ? Es bedarf ja weiter Nichts als eines gewissen Grades vonGewandtheit und Witz, um die scheinbare Analogie zu begründen, denn Witz ist ja geradediejenige Fähigkeit, welche auch an den unähnlichsten Dingen Aehnlichkeit entdeckt und dieFaust auf das Auge zu paffen versteht.
In der Wirklichkeit werden, wie ich unten zeigen werde, die Parteien durch ganzandere Gründe und Einflüsse bedingt und zusammengesetzt als durch psychologische; jeneCharaktere, die nun einmal nicht anders können, denken und fühlen, als wie sie vonNatur disponirt sind, deren innerstes Leben auch in ihrem politischen Auftreten sich ab-spiegelt, jene Charaktere sind so selten, daß sie viel mehr nur Ausnahmen als die Regeldarstellen. Die Masse der Menschen ist nicht deshalb entweder radical oder absolutistisch,weil sie „knabenhaft oder alt geboren" ist, sondern weil sie entweder ein dunkler Drangnach Freiheit zum Anschluß an radicale Führer treibt, oder weil sie als Pöbel zum Werk-zeug für fremde Interessen sich brauchen läßt.
Dieselbe geistreiche Willkür herrscht in der Rohmer'schen Darstellung auch in Bezie-hung auf die Charakterisirung der einzelnen Parteien und ihren psychologischen Zusam-menhang mit den „Entwickelungsstufen des menschlichen Geistes." Dem Knaben wer-den Merkmale beigelegt, die in aller Welt noch niemals dem Typus des Knaben angehör-ten, und dem Radicalismus eine Aehnlichkeit mit diesen „knabenhaften" Elementen zuge-schrieben, die in der Wirklichkeit auf ganz anderen Gründen beruht. Der Liberalismusist nicht mehr generell verschieden von dem Conservatismus, sondern nur insoweit als dasWesen des jüngeren Mannes von dem des älteren differirt, während der Absolutismuswieder innerlich verwandt ist mit dem Radicalismus, weil auch der Greis wieder demKinde sich nähert. Diese Art zu philosophiren, welche, statt analytisch die Erscheinungenzu zergliedern und auf ihre letzten Gründe zurückzuführen, sie in das System einer will-kürlichen Synthetik hineinzwängt, taschenspielerartig den Thatsachen scheinbare Gründeunterschiebt, mit kecker Hand in die ganze Weltgeschichte hineingreist, um ihre Personenauf dem Puppentheater eines künstlich verfertigten Systems als Marionetten aufspazierenzu lassen; welche Thatsachen, Charaktere und Sustände auf dem Prokrustesbette der Willkürmit dialektischer Kunstfertigkeit so lange hin und her zerrt, bis man sie in die gewünschteForm passen kann, welche mit einem Worte ein System aufstellt, in welchem die gegebe-nen Erscheinungen nicht mit den untergeschobenen Gesetzen und die willkürlich gemachtenGesetze nicht mit der Wirklichkeit sich vereinigen lassen, diese Art zu philosophiren verhältsich zur wahren Philosophie wie der historische Roman zur Geschichte, wie die Astrologiezur Astronomie, wie die Belletristik zur Logik. Die anthropologische Bearbeitung derParteien durch Rohmer, also rein empirischer Thatsachen, ist, wenn vielleichtauch derForm nach gleich brillant, so doch in ihren Resultaten nur eine Travestie des anthropolo-gischen Standpunktes, den Feuerbach in der Behandlung rein ideeller Thatsachen ein-nimmt, und zwar mit Recht, eben weil diese nur Gegenstände der Vorstellung sind. Werübrigens die Geschichte des Cantons Zürich seit dem Jahre k 839 und namentlich den poli-tischen Hocus Pocus kennt, der unmittelbar nach jener Zeit dort aufgesührt wurde, derhat auch den Schlüssel zu den geheimen Motiven, welche der Rohmer'schen Tendenz- undParteischrift eigentlich zu Grunde liegen.
Im September 1839 wurde nehmlich durch einen von Pfaffen und „Aristokraten"zusammengetriebenen fanatisirten Pöbelhausen die damalige „liberale" Regierung ge-stürzt, weil sie es gewagt hatte, einen Mann als Docenten an die theologische Facultät zuberufen, der einige Zeit zuvor durch sein kritisches Werk über das „Leben Jesu" Aufsehenerregt hatte. Die Tendenz der nach dem Septemberputsch eingesetzten Regierung gehörtezu denjenigen, die man allgemein als reactionär bezeichnet und auch wirklich so reactio-