480 Parteien.
werden, als durch das splendide Auftreten, durch die Gewandtheit und Classicität in der !Form, durch die Prägnanz in der Sprache und Meisterhastigkeit in der Behandlung des ^Stoffs die unter diesem schimmernden Aeußeren verborgene absichtliche Begriffsverwir-rung für Manchen verdeckt bleiben dürste. Ich werde deshalb, ehe ich zu meiner Dar-stellung übergehe, die Rohmer'sche Theorie einige Augenblicke näher beleuchten. Rohmerdeducirt folgendermaßen:
Zuerst wendet er sich gegen die herrschenden Begriffe über Parteien, welche, in den !bekannten Stichwörtern „radikal", „liberal", „konservativ" (auch „aristokratisch"), „ab-solutistisch" (oder „reaktionär") und „Justemilieu" sich bewegend, von der Ansicht aus-gehen, daß wir „in einer Periode des Uebergangs von der alten zur neuen Zeit leben"; dieeine Partei will die neue Zeit — Partei des „Fortschritts" (liberale), die andere hängt ander alten, Partei des „Rückschritts" (konservative). Dazwischen stehen Die, welcheVermittlung wollen — das Justemilieu, von den Einen als Tendenz der Versöhnunggeliebt, von den Andern als Tendenz der Schwäche gehaßt oder verachtet. Jene beidenHauptparteien tragen nun allerdings ihre Abstufungen in sich und ihre Abarten. Wasam Alten hängt, kann entweder still stehen (konservativ im engeren Sinn), öder geradezurückwärts gehen (reaktionär oder absolutistisch). Die Freunde des Neuen wollen denFortschritt entweder mit Schonung der bestehenden Verhältnisse (Liberale im engerenSinn), oder ohne Rücksicht auf die letztem, schonungslos und von Grund aus (Radikale).Inden Grundsätzen sind Liberale und Radikale gleich, in der Ausführung verschie-den. Radikalismus ist den Einen das irrige Extrem, den Andern die höchste Con-sequenz des liberalen Princips. Nach Jenen ist man radikal, wenn man die Grund-sätze des „Fortschritts" unbesonnen und ohne Kenntniß der Zustände anwendet, nachDiesen, wenn man sie schroff und energisch durchzuführen weiß. Dies sind dieherrschenden Begriffe, sagt Rohmer, deren Haltlosigkeit sich jedoch offenbart,sowie sie zergliedert werden. Was ist alte und was ist neue Zeit? — Diese Frage müßte (mir gelöst werden, wenn ich wissen sollte, was Rückschritt und was Fortschritt ist, undsie wird hier nicht einmal aufgeworfen. Denn es liegt am Tage, daß ein Maß-stab*) für das Wesen alter und neuer Zeit, eine Bestimmung der guten und schlechtenBestandtheile in Beiden, allen Parteien gleich unumgänglich ist, wenn sie nicht ohneSinn und Ziel sich überstürzen wollen. Die Vergangenheit liegt in zahllosen Gestaltenhinter uns, die Zukunft in tausendfach möglichen vor uns: wo findet sich Gesetz undMaß und Einheit ? Soll ich das Neue lieben, weil es das Neue ist, das Alte hassen,weil es das Alte ist? Eine unwürdige Aumuthung, die mir gleichwohl in der obigenAnschauung sehr nahe gelegt wird. Um liberal zu sein, müßte ich dem Zeitgeist fol-gen, und wo sitzt der Geist der Zeit? — der wahrhaftige nehmlich, dem ich fol-gen soll. In der Masse? Mit Nichten. Im Mittelstand? Nur bedingt. Inden Erleuchtetsten? Wo sind sie, wenn man nicht gutmüthig genug ist, sie in denBerühmtesten zu finden? Sind sie einig unter sich, diese Erleuchtetsten, und weiß mannicht, daß gerade sie zu allen Zeiten gegen den Zeitgeist gekämpft oder sich über ihnerhoben haben? Welchen Grund hat man für die Behauptung, der Fortschritt der Zeitsei der Liberalismus, und mit welchem, auch nur entfernten, geistigen oder mora-lischen Titel stellt man überhaupt an einen selbstständigen Menschen die jetzt allgemeingewordene alberne Anforderung, „sich dem Zeitgeist anzuschließen"? Der Zeitgeistist der Wille der Majorität meiner Zeitgenossen. — Und dieser Wille >sollte mich irgend, auch nur annähernd, verbinden? Verbinden, weil ec die Mehr-heit ist? Seit wann liegt die Wahrheit auf der Seite der Mehrheit? Oder wie? Vorjetzt hundert Jahren war ganz Europa von französisch-monarchischer Denkart, Politikund Sitte beherrscht: wenn ich damals dem Zeitgeist huldigte, that ich Unrecht, Weilerfalsch war? Jetzt wird der Continent von den Ideen bewegt, welche die französische Re-volution erzeugt hat, und ich soll diesen Ideen vertrauen, weil sie den Zeitgeist ausdrücken?
*) Auf diesen Maßstab ist, wie weiter unten gezeigt werden wird, Alles gestellt.
D. V-