Parsireligion. 477
^ IV. Das parsische Religionssystem bietet einen wunderbaren orientalisch-poetischen
^ Reiz dar. Bei der hohen Fülle, dem seltenen Reichthume an Darstellungen und Be-griffen steht es in dieser Beziehung keinem als dem althellenischen Cultus nach; esübertrifft denselben aber, wenn auch vielleicht nicht unbedingt an Erhabenheit, dochjedenfalls an Reinheit der Ideen. Es ist die edelste, reinste, vielleicht selbst groß-artigste Poesie, die es geben kann. Nirgendwo finden sich in der Parsireligion solche Fri-volitäten und Ercesse, wie sie den hellenischen Göttern in zahlloser Menge beigemessen^ werden (obwohl jene rein menschliche Darstellung der Götter gewiß auch ein Interesseund eine Erhebung eigener Art darbietet).
Zudem erkennen wir im Parsicultus eine Religion innerer Starke und Kraft.Ueberall findet man das Princip des Lebens und Wirkens vorangestellt. Nicht geduldigund schweigsam, wie ein Sklave, soll der Parse das Unrecht hinnehmen und tragen;nein! er soll sich dagegen erheben mit aller Kraft, dawider ringen und kämpfen, damites zerstört werde und ausgerottet im unermeßlichen All. Denn wo das gute Principherrschen soll, darf das schlechte nicht mehr bestehen! Aoroaster verlangt von denBekennern seiner Lehre, daß sie ihren Feinden verzeihen sollen, daß sie versöhnlich seien;die Feinde zu lieben befiehlt er nur dann, wenn diese, vom bösen Principe sich los-sagend, wieder gut geworden sind. In dieser Beziehung hat man das Parsithum starkgetadelt, da es der Lehre des Ehristenthums: „liebe deine Feinde!" unendlich nachstehe.Indessen scheint uns dieser Tadel auf einem Misverständnisse zu beruhen. Auch derchristliche Lehrsatz kann unmöglich unbedingt buchstäblich genommen werden. Wo hatman je einen Menschen (Christen oder Nichtchristen) gesehen, der seinen eigentlichenFeind, nach der gewöhnlichen Bedeutung des Wortes, wahrhaft und unbedingt liebte?Man wird, unbefangen die Sache betrachtet, so ziemlich zu dem Lehrsätze der Parsen ge-langen: dem Feinde soll der Ormuzd-Anbeter verzeihen, aber wahrhaft lieben kann ers ihn, unterstützen und befördern darf er ihn nicht, wenn und in so weit er die Hilfe geradezum Verderben des Guten anzuwenden beabsichtigt.— (Allerdings läßt es sichübrigens nicht verkennen, daß dieser Lehrsatz böslich ausgelegt oder doch misdeutet undmisbraucht werden kann, was beim christlichen der Fall nicht ist.)
V. Alles, was wir bisher vom Parsicultus gesagt haben, bildet jedoch nur dieschöne Seite desselben, und sie ist es so ziemlich ausschließlich, die namentlich An-qnetil du Perron hervorhebt. Die fast unglaublichen Mühen und Gefahren, die er beiseinen wissenschaftlichen Forschungen zu bestehen hatte, veranlaßt«», daß er aufs AeußersteEnthusiast für seinen Gegenstand wurde. Eben darum ist uns aber auch bei Benutzungseines Werkes Vorsicht nöthig — nicht gegen seine Wahrheitsliebe, sondern gegendie Folgen der Begeisterung, mit welcher er die Dinge betrachtete. So dürfen wir denninsbesondere die Resultate seiner unbedingt eigenen Forschungen nicht mit dem Inhaltedes Aend-Avesta verwechseln. Neben jener Licht- entdecken wir denn auch eine sehrbedeutende Schattenseite.
Vorerst ist es schon auffallend, daß alle Abtheilungen des Aend-Avesta, mit Aus-nahme der letzten (sonach die Abtheilungen Jzeschne und Vispered, ebenso Jeschts Sade'sundSo-ruze), sozusagen absolut gar Nichts als Gebete, Lobpreisungen, Anrufungs-formeln des Gottes u. dgl. enthalten. Selbst in der (wichtigsten) letzten Abtheilung (demeigentlichen Vendidad) werden nur in äußerst ungenügender Weise eine Art Geschichte derWeltschöpfung und der Entwickelung der Parsireligion, sodann einige Cultusvorschrif-ten gegeben.
Die ganze sociale Einrichtung tritt hier in stark hierarchischer Weise vor uns. Esgiebt höchst wahrscheinlich nach einer schon lange vor der Abfassung des Aend-Avestabestandenen Einrichtung vier Stände: 1) Priester, 2) Krieger, 3) Landleute (siestehen in bedeutendem Ansehen und werden in den heiligen Schriften stets „der Quell desUeberflusses" genannt: „Wer den Boden mit Sorgfalt und Fleiß bebaut", heißt es im^ Zend-Avesta, „erwirbtssich größeres religiöses Verdienst, als er durch Wiederholung von> 10,000 Gebeten erlangen könnte"), 4) die Angehörigen der übrigen erlaubten Ernäh-
rungsarten (darunter Aerzte, Künstler, Handwerker u. s. w. — Der Arzt darf keinen