Paraguay. 471
Stimmungen, zu denen er sich wohl von Natur geneigt fühlte. Argwohn und Mistrauensind die natürlichen Begleiter ungerechter^ unsicherer Herrschaft, und lahmender Schreckenist ihre liebste Waffe. Francia mag von Natur nicht grausam gewesen sein und keine Lustan dem Uebelthun empfunden haben; aber wenn nicht alle Berichte über sein Verfahrenverleumderisch oder sonst entstellt sind, so handelte er, als wäre er blutdürstig. Ihmmag Alles, was er Derartiges that, wiez.B. die eine Zeit lang, wie man sagt, bestan-dene Vorschrift an die Schildwache, auf Jeden zu schießen, der im Vorübergehen zu derWohnung des Diktators ausblicken würde, als unumgängliche Maßregel für seine Sicher-heit erschienen sein, und die Meinung, daß er seine Gewalt zum Besten des Volkes übe,mag ihm zur Entschuldigung bei sich selbst gedient haben, der Gedanke aber nicht beigefal-len sein, daß eine Gewalt nicht wahrhaft zum Besten des Volkes dienen kann, die solcherMittel zu ihrem Schutze bedarf, daß es edlere Stützen der Gewalt giebt als Furcht undSchrecken und daß, wenn ein Land wirklich in der elenden Lage wäre, zu Grunde gehenzu müssen, wenn nicht seine Beherrscher durch Grausamkeit ihre Gewalt erhielten, esdann lieber zu Grunde gehen als durch Mittel erhalten werden möchte, die für einen edelnMenschen moralisch unmöglich sein müssen. In allen solchen Fällen treibt ein willkom-mener Selbstbetrug sein leichtes Spiel, und der Despot irrt sich nur zu leicht in Dem, waswirklich nothwendig ist. Die Rücksicht auf die Erhaltung seiner Macht beherrschte Fran-cia's ganzes Verfahren. Zuvörderst ließ er die Spanier ermorden, schon um aus ihremVermögen die Kosten der Staatsverwaltung, unter Erleichterung der Volkslasten, bestrei-ten zu können. Nicht blos, daß er jeden hierarchischen Einfluß entschieden abwies, ob-wohl er ihm ein milderes Mittel zur Erhaltung^seiner Gewalt bot und er doch nicht Frei-heit gewähren wollte; er zeigte auch wahren Haß und unauslöschliches Mistrauen gegendie Kirche. Die Klöster hob er auf und zog ihre Güter ein. Uebrigens giebt es, die heid-nischen Wilden ausgenommen, nur Katholiken im Lande, die unter drei Bischöfen ste-hen. Während er anfangs gegen die Fremden, die sein Land bereichern und seinenRuhm verbreiten sollten, liberal gewesen war und sie höchstens dann verfolgte, wenn erbesorgte, sie möchten dem Staatsmonopol, der Breitung des Paraguaythees, zu nahetreten, ging er zu einem immer strengeren AbsperrurWsystem über, wie allmälig die Ver-hältnisse in den Nachbarstaaten sich ordneten, und er nun erst zu fürchten ansing, esmöchten von dort aus Beispiel und Ueberredung sich auch in dem von ihm beherrschtenStaate geltend machen. Den Einwohnern waren alle Reisen verwehrt; Fremde, die indas Land gekommen waren, wurden lange Jahre darin zurückgehalten; aller Handel mitdem Auslande wurde gesperrt oder nur unter Bedingungen gestattet, die einem Verbotegleichkamen. Dies schon nöthigte zur Beförderung der inneren Industrie, so weit es sichum Gegenstände dringenden Bedürfnisses handelte, und in der That war der Dictatordafür wie für den Anbau des Landes eifrig sorgsam. Doch mußte auch hier, statt dermilden Führung der Jesuiten und statt des stärkeren Impulses, den in der Freiheit daseigene Interesse bringt, der Zwang wirken, und es wird versichert, daß Ungeschicklichkeitund Trägheit mit dem Tode bestraft worden seien. Wie fügsam auch die Mehrzahl desVolkes sein mochte, mit dem Francia es zu thun hatte, er hielt doch für nöthig, die stre-benderen Geister durch Furcht, die Masse des Volks aber durch Stumpfsinn, Unwissen-heit und gleichfalls durch Furcht im Zügel zu halten. Eine Repräsentantenkammer von48 Mitgliedern, mit der er sich umgab, war blos ein Schattenstaatsrath, womit er denLeuten Staub in die Augen werfen wollte. Doch hatte er wenigstens das Verdienst, fürRuhe und Ordnung zu sorgen, in deren Schutze die Einwohner die Gunst des üppigenKlimas genießen, sich wenigstens materieller Vortheile erfreuen und, wenn sie ihremDespoten aus dem Wege gingen, mit einer gewissen Behaglichkeit auf die Verwirrungender Nachbarländer blicken mochten. Die Staatslasten waren sehr unbedeutend, und Pa-raguay ist der einzige Staat in Amerika, der keine Schulden hat. Aber wenn Francia zuseiner Kraft und Klugheit wahren Edelmuth und wahre Weisheit gesellt hätte, so würdees ihm nicht schwer gewesen sein, aus diesem bildsamen Volke etwas Besseres werden zuhelfen und sich und Anderen ein unendlich süßeres und werthvolleres Leben zu bereiten. —Die Gränzsperre umzog das Land mit einem undurchdringlichen Schleier, def nur ^selten