462 Papiergeld.
was ihre Unterthanen von selbst und aus freier Wahl schon thaten". Die Wiener Bankund die österreichischen Finanzoperationen, die russische und dänische Bank, die französi-schen Assignaten geben ihm treffliche Beispiele für seinen Zweck an die Hand und für seineBehauptung, daß unter allen Jrrthümern der Fiscalitat die Erfindung des Papiergeldesdie eigentliche Landplage unserer Zeit sei. Die englischen Erfahrungen beachtet er nicht undhalt das Studium derselben mehr für müßig als für nützlich (plus oiriense gu'utile), weil dieUrsache der Entwerthung überall die nehmliche gewesen, und man sich nicht sowohl überden Miscredit der Banken als vielmehr darüber wundern müsse, daß ihre beschriebenenPapierfetzen noch irgendwo mehr gelten als weißes Papier. H. v. Sismondi ließsich auch später keines Besseren belehren, denn in seinem 1827 erschienenen Hauptwerke:„ldsnuvsaux principss (l'economie politigue" etc. bekämpft er die Banken wie die Ma-schinen und das Fabrikwesen aus lobenswerthem Eifer für die Leiden der arbeitendenElassen, obgleich er gestehen muß, daß er diesen nicht zu helfen wisse. Anerkennung ver-dient es, daß H. v. Sismondi hauptsächlich den schädlichen Einfluß auf die öffent-liche Moral hervorhebt, welchen gewissenlose Papieroperationen Hervorbringen. Ec giebtden Rath, das Papiergeld geradezu zu unterdrücken, was für die Einzelnen einer Steuergleichkäme, die sie bezahlen müßten, um den Staat in den Stand zu setzen, das Papier-geld einzulösen. Begeistert von seiner Radicalcur ruft er aus: „Ich nehme keinen An-stand, es auszusprechen: wenn eine Regierung, die Papiergeld ausgegeben hat, der-maßen verschuldet ist, daß sie ihre fundirte und verzinsliche Schuld nicht durch eine neue,zur Einlösung ihres lügenhaften Geldes (numsrmrc mensongcr) bestimmte Schuld ver-mehren kann, so soll sie zu dem Patriotismus des Volkes ihre Zuflucht nehmen, . . . siesoll von ihren Unterthanen fordern, daß sie selbst alle Bankbillete, welche sie besitzen, ver-brennen, und soll erklären, daß von nun an diese Billete keinen Iwangscurs mehr haben.Wenn das Volk noch Edelsinn besitzt, wenn ihm der Name des Vaterlandes kein leererSchallist, so wird dieser loyale Aufruf des Souveräns an seine Unterthanen hinreichen,um den Staat von einer Last zu befreien, die ihn erdrückt. Man wird sich schämen, nochBankbillete sehen zu lassen, Jeder wird sich beeilen, die seinigen in die Flammen zu wer-fen, und die Nationalschuld wird mehr durch die Begeisterung des Volkes als durch denBefehl des Monarchen getilgt sein." — H. v. Sismondi ist weit entfernt, dieGröße des Opfers, das er dem Patriotismus des Volkes zumuthet, zu kennen; auch be-denkt er nicht, daß viel geringere Opfer des Patriotismus die Engländer in den Standgesetzt haben, ihre Banknoten auch als Staatspapiergeld im Werthe zu erhalten und spä-ter durch Verminderung der Menge den Gleichwerth mit dem Golde herzustellen. H. v.Sismondi ahnet, daß mancher Souverän an den Erfolg eines so heroischen Mittelsnicht recht glauben oder auch zu zartfühlend sein könne, um dem Volke ein so großes Opferzuzumuthen. In diesem Falle schlägt er vor, wenigstens den Zwangscurs aufzuheben unddas Papier allmälig sinken zu lassen, wie es mag, oder aber dasselbe durch zinstragendeStaatsobligationen zu ersetzen und der fundirten Schuld beizufügen.
Papiergeld in Deutschland. — Deutschland hat in den letztenJahrhunderten zu wenig Antheil an dem Weltverkehre genommen, als daß ihm ein Be-dürfniß fühlbar geworden wäre, ein wohlfeileres Umlaufsmittel dem inneren Verkehre zuschaffen, um das kostbare Metall im auswärtigen Handel nutzbringend zu verwenden.Wechsel und andere Creditpapiere genügten dem deutschen Handel zur Ersparung vonGeldtransporten und Erleichterung seiner Geldgeschäfte. Der Industrie wuchsen keineFlügel, denen das Metall zu schwer gewesen wäre, und im Volke lebte nicht der Specula-tionsgeist, der keinen Thaler ruhig im Kasten liegen sieht, sondern auf Mittel denkt, ihnumzutreiben, um damit zu wuchern. Wäre das deutsche Silber und Gold plötzlich durchPapier ersetzt worden, es würde schwerlich in ansehnlicher Menge dem auswärtigen Han-del zugeflossen, sondern zum großen Theile vergraben worden sein. „Nur aufgeklärteIndividuen und Völker" , bemerkt Pölitz in seiner Volkswirthschaftslehre H. 236,„setzen das Geld in ununterbrochenen Umlauf, während der engherzige Landmann es ver-gräbt, weil er dies für das Sicherste hält." — Auf der andern Seite war Deutschlandseit dem 30jahrigen Kriege (wir wollen nicht weiter zurückgehen) durch die Angriffe der