Pädagogik. 441
herrschende oder allgemein eingeführte, indem dort die Regierung z. B-keineswegs dasRecht hat, die Eltern zu zwingen, ihre Kinder zur Schule zu schicken, überhaupt keineweder umfassende noch auch nur theilweise Leitung oder Aussicht über das Erziehungswe-sen ausüben darf, sondern Alles der Privatthätigkeit überlassen muß, aber auch keineStaatskosten dafür aufzuwenden braucht. Die Falschheit dieses Systems ergiebt sichschon im Allgemeinen daraus, daß hiernach das angeborne oder allgemeine Vernunft- undMenschenrecht der Kinder auf Erzi ehung°^) nicht durch den Staat selber aner-kannt und geschützt ist und es mithin blos der elterlichen Willkür überlassen bleibt, obihre Kinder zur Humanität gelangen oder nicht. Da man in Deutschland nie diesem fal-schen Princip gehuldigt hat, so übergehen wir die weitläufige Widerlegung desselben undbemerken noch, daß auch die Erfahrung oder Geschichte durchaus gegen jenes Systemspricht, indem sowohl Englands als Nordamerikas Schulen und sonstige Erziehungs- undUnterrichtsanstalten sich keineswegs mit denen Deutschlands messen können und auch dieintellectuelle so wie sittliche und religiöse Bildung jener angeblich frei esten Völker derErde unglaublich viel zu wünschen übrig läßt"). Was namentlich England betrifft,so finden sich in v.Raumer's Schrift: England im Jahre 1835. Bd. ll. S. 273 f.,vergl. 438 f., nähere Angaben sowohl über die schädlichen Folgen des bisherigen Systems(unter Anderem wird angegeben, daß selbst nach dem liüimlinrgli rsviovv Bd. 58 kaumdie Hälfte der Kinder in England eine angemessene Schulerziehung erhält, und daßselbst in solchen Hauptstädten, wie Manchester, drei Fünftel der Kinder ohne allenUnterricht bleiben), als auch darüber, daß gegenwärtig richtigere Ansichten hierübersich in England verbreiten. S. 277 wird daselbst gesagt: „Selbst der radicale Atomisti-ker Roebuck fühlt die Nothwendigkeit einer allgemeinen centralen Oberleitung und em-pfiehlt das preußische Zwangssystem (comiiulsor^ k^stem). Im Jahre 1836 er-schien über die Nothwendigkeit einer öffentlichen Erziehung.in England eine eigeneSchrift von Wysein London, in welcher mit den schärfsten Waffen das bisherige Sy-stem (voiuiitar^ s),8tei») angegriffen ward. Am Stärksten hat sich über diesenPunkt der berühmte Thomas Carlyle ausgedrückt, der in seiner höchst interessan-ten Schrift über den Chartismus 00 ) mit den lebendigsten Farben das Elendder unteren Volksclassen schildert, welches vornehmlich aus jener heillosen Anwen-dung des „laissLL faire" auf das Erziehungsfach entstanden ist, und der eben des-halb das eine Hauplmittel zur Beseitigung jenes Uebels in der auch von den Dissentersschon so lange verlangten, aber von der egoistischen Hochkirche verweigerten Einführungeiner allgemeinen oder öffentlichen Erziehung unter Controle und aufKosten des Staats sieht. Nachdem derselbe sehr treffend auseinandergesetzt hat,daß der sogenannte Nadicalismus, Chartismus und die übrigen Exceffe und revolu-tionären Richtungen der Demokratie oder des demokratischen Princips nur Folgender Nichtanerkennung der a llg e m ei n en, Menschenrechte gewesen sind, so be-merkt er, daß „zwei Gedanken, zwei große Gedanken seit den letzten zehn Jahrenin allen denkenden Köpfen von England wohnen und in der letzten Zeit sogar auf .den Lippen Einiger schweben, nehmlich allgemeine /oder öffentliche) Erziehungund allgemeine Auswanderung." Er zeigt sodann, daß, was die erstere betrifft,diese überhaupt nicht blos um eines momentanen Zustandes willen angerathen werdenmuß, sondern die Basis für die ganze menschliche Entwickelung und erste Nothwendigkeitdes Menschen ist^). Möge seine Stimme, die auch für uns (z. B. die so arg vernach-
63) Aachariä, Vom Staate. Bd. III. S. 79.
64) Vergl. hierüber Vollgraff's Politik. Bd. Ill, wo eine ausführliche Charakte,
ristik jener Nation gegeben ist, und Scheid! er in Bran's Minerva. 1836. März.S. 553. "
65) Obartism. l'Iinmsr 6srI)Is (Houston 184V); vergl. die Auszüge Minerva.Juli 1840. S- 121 und August S. 205.
66) „Die allgemeine oder öffentliche Erziehung ist eine Sache, die der Für-sprache gar nicht bebüritig sein sollte und doch jetzt derselben so sehr bedarf. Die Gabe desDenkens Denen zu verleihen, die nicht denken können und doch in diesem Falle denken sollen,