Druckschrift 
10 (1848) [Not - Pra]
Entstehung
Seite
440
Einzelbild herunterladen
 

440

Pädagogik.

Hand des Staates der mächtigste Hebel ist, wie noch neuerdings das Beispiel des mit ei-serner Eonsequenz von dem Jesuitenorden und besten Universalerben dem I)r. Francia regierten Paraguay beweist, diese (wie M a t tec^) sich ausdrückt)staunenswer-theste der neueren Schöpfungen, eine Republik, blühend mitten unter Wüsten, und Men-schen, glücklich durch die vollständigste oder unbedingteste Unterwerfung unterden Willen ihrer Oberhäupter", so löst doch (wie ebenderselbe Autor hinzufügt)ein ein-ziges Wort das Räthsel dieser Erscheinung, nehmlich derGlaubedes Volks an die hohe,an die unermeßliche Ueberlegenheit der Herren, der Gesetzgeber, der Räche, welchen dieStämme ihr Schicksal vertrauten." Aber woher soll jetzt dieser Glaube kommen, inunsrer Periode despolitischen Protestantismus, in welcher die Völker nicht mehrblind glauben, sondern selber sehen, Alles prüfen und das Beste behalten wollen", undin welcher der frühere Nimbus der geistigen Ueberlegenheit der Regierungen wie der Adels-aristokratie längst verschwunden ist ^)? Und zwar ist diese Ueberlegenheit unbestreitbarauf den sogenannten dritten Stand, namentlich die Gelehrten republik, überge-gangen, wie dies schon Friedrich der Große, namentlich in staatspadagogi-scher Beziehung, anerkannte^), der selber (wie Pfister^) richtig bemerkt undspäter auch Welcker treffend wieder in Erinnerung gebracht hat^)) eben darumin den großen europäischen Geschäften, in der Verwaltung seiner Lande, als Staats-wirth , Gesetzgeber und Feldherr der Erste war, weil ec der Erste unter den Monarchenauf der dama ligen Höhe der Miss ensch asten stand." Mit gutem Fug und Rechtist daher gerade als charakteristisches Merkmal der neueren Zeit bezeichnet worden, daß inderselben jene Ueberlegenheit und darauf gegründete staalspädagogische Wirksamkeit, diewir in den an ti k en Staaten auf der Seite der Re g i er un g bewundern, jetzt auf derSeite des Volks sich findet ^). In diesem Sinne haben sich auch mehrere unserer be-deutendsten politischen Schriftsteller gegen das System einer Staatspädagogik in jenemantiken Sinne erklärt, z. B. Mohl^"), Zachariä^), Bülau^), welcher Letztereausdrücklich sagt, daß im Allgemeinen der Staat nicht befähigt scheint, der Erzieher desVolkes zu werden; denn die ihn lenken, stehen selbst nicht höher als diegroße Anzahl der Vernünftigen im Volke, sie sind selbst nur Geschöpfe der Zeit und un-terliegen stets der Gefahr, ihre einseitige Richtung für das Gebot des Staatszweckes,ihren einseitigen Vortheil für das Beste des Ganzen zu halten" u. s. w.

Das zw e ile Hauptsystem ist nun das, wonach der Staat oder die Staatsgewaltsich ganz und gar nicht um die Erziehung zu bekümmern hat, sondern diese denEltern, Vormündern oder den kirchlichen oder andern Corporationen völlig überlassenmuß. Dieses System ist bekanntlich noch gegenwärtig in England und Nordamerika das

54) In der Prcisschrift über den Einfluß der Sitten auf die Gesetze, übers, vonBuß (1833). S. 200; vergl. S. 461.

55) Fr. G. Welcker, L- stjnd. Verfass. S. XI. und 7 ff. (all. 2. 1831).

56) Er sandte an Voltaire seine» Christ. Wolf mit den Worten:Autoren sinddie Gesetzgeber des menschlichen Geschlechts; sie baden gute Bürger, treue Freunde,Unterthanen, welche Aufruhr und Tvrannei in gleichem Grade verabscheuen, voll Eifer fürdas allgemeine Beste." Vergl- Pfister a. a. O.

57) Geschichte der Deutsche». Bd. V. S. 316.

58) Leipz. Allgeni. Zeitung vom 3. Oktober 1841 (Bericht aus Berlin über Wclcker'sAufnahme daselbst).

59)Der Unterschied der antiken und der modernen Welt besteht bei mir in dem ei-nen Punkte, aus dem alle andere hervorgehe». In der antiken waren die Regierun-gen den Völkern vor. Gesetzgeber, Prophetenkonige, halbe Zauberer, Schutzhelden, Er-finder der ersten Elemente der Lebensgenüsse, ministres lles llioux Himmelsvermittler,Religionsstifter. In der modernen, nicht geoffenbartcn, sondern offenbaren Welt wolle»die Regierungen mit den Ruinen der alten Mittel wirken, die Jeder aus dem ganzenVolke handhabt und wovon jedes von einer andere» Classe aus dem Volke zu seinerKunst und Wissenschaft gemacht ist und so gebraucht wird." Rah et (III. 166).

60) Polizeiwiffenschaft. I. 414,

61) Bd. IV. Abth. 2. S. 150.

62) Staatswirthschaftslehre. S. 69.