Druckschrift 
10 (1848) [Not - Pra]
Entstehung
Seite
436
Einzelbild herunterladen
 

439 Pädagogik.

weit mehr von allen anthropologisch-pragmatischen oder Lebenskünsten gelten und unterdiesen wiederum am Meisten von der wichtigsten und schwierigsten derselben, der Erzie-hungskunst, die somit ebenfalls gehörig durchdacht und aus wissenschaftliche Principiengegründet werden muß.

Es ist schon oben bemerkt worden, daß in dem wahren Begriffe der Erziehung einplanmäßiges, methodisches Verfahren von selbst liegt, woraus folgt, daß sogenannteplanlose Erziehungsweisen, d. h. diejenigen, n o man auf die Zöglinge oder Kinderwirkt, wie es gerade kommt, ohne alles Nachdenken über den Zweck, die Mittel und Wegeder Erziehung, eigentlich gar nicht Erziehung zu nennen sind, sollte auch ein solches plan-loses Verfahren selber ein absichtliches sein, wenn man etwa aus einseitigen Erfahrungenzu der Ueberzeugung gekommen wäre, daß alle Ecziehungsplane oder Methoden unnützseien; eine Ansicht, die sich weder logisch noch ethisch rechtfertigen laßt, daselbst, wennnoch gar keine bisherige Erziehungsweise etwa gefruchtet hätte, ein solcher Schluß aufdie Vergeblichkeit auch aller künftigen durchaus nicht gerechtfertigt werden könnte ^).Aber auch das Planmäßige oder Methodische vorausgesetzt, so entsteht weiter die Frage, daPlan und Methode an und für sich nur etwas Formelles sind, wie auch der Begriff Cha-rakter: was denn die rechte Methode sei? oder der rechte Plan? Hierüber kann, da essich um Ausmittelung der Wahrheit handelt, offenbar nur die Wissenschaft in letzter Instanzentscheiden. Dies zeigt sich zunächst in dem einen Hauptunterschiede aller planmäßigen Er-ziehung, den man durch die Ausdrücke: negative und positive Erziehung bezeichnet, vondenen die erster« ihren Erziehungsplan so macht, daß sie Nichts weiter thun will, als derNatur und dem Schicksale Alles überlassen und nur beiden die Hand bieten, während dieletztere ihren Plan durchdenkt, um etwas Besseres zu bewirken und in die Naturentwicke-lung eine höhere Bildung hereinzuführen. Jene blos n ega ti ve Erziehungsweise,die be-kanntlich besonders seit Rouss eau einen so allgemeinen Eingang gefunden hat, ist offenbarnur eine unvollkommene und beruhtin letzter Jnstanzauf der grundfalschen psychologischenAnsicht, daß der Mensch von Natur durchaus gut sei, wie Alles gut wäre, so wie es aus denHänden der Natur kommt; da doch eine richtige Beobachtung der menschlichen Natur, wonicht zu einem durchaus entgegengesetzten Resultate, so doch zu der Ansicht führt, daß derMensch ursprünglich weder gut noch böse, aber mit Anlage zu Bei dem geboren ist,und daß es eben deshalb positiver Einwirkungen bedarf, wenn der Mensch gut wer-den soll. Aber auch die positiven Erziehungsweisen können sehr verschieden sein, wiedieses ja die Erfahrung oder Geschichte zur Genüge lehrt. Auch hier kommen wir alsowieder zurück auf die Frage: welches die rechte Methode, das rechte Ziel oder die rech-ten Mittel und Wege, es zu erreichen, ist, und so wie überhaupt nur die Wi ssenscha ft,und nicht etwa die bloße Praxis und der gemeine Menschenverstand, über Wahrheit undJrrthum in letzter Instanz zu entscheiden hat und sodann auf die wirkliche Bessergestal-tung des Lebens einwirkt ^), so muß und wird dies jederzeit auch bei der Pädagogikder Fall sein, die deshalb namentlich in Beziehung auf das Staatsleben die größteBeachtung verdient und auf alle Weise in ihrer wissenschaftlichen Entwickelung gefördertwerden sollte. In t kesi erkennt man auch diese Wahrheit jetzt allgemein an, wie diesz. B. Ancillon 40), Dahlmann 4>) u. A. gethan haben; allein in ii^patkenioder im wirklichen Leben wird sie ebenfalls nur zu oft verkannt, obwohl die ganze neuereund neueste Geschichte von dem großen Einflüsse pädagogischer Theorieen auf die Praxisder Erziehung und somit auf das Staatsleben selber die schlagendsten Beweise giebt 42).

38)tzusin inults üeri non nosse, priusausin sint facta, juäicsntur!" klin.bist. nat. VII. 1.

39) Kant, Proleg. S. 1l. 43. Fries, Logik. S. 394. Wclcker, Rechts-,Staats - und Geschichtslehre. I. S. 42. 456 ff.

40) Vermittelung der Extreme. Bd. 1. S. 196.

41) Politik. 1. S. 254.

42) Sehr richtig bemerkt in dieser Beziehung der ausgezeichnete Geschichtsforscher derPädagogik, Prof. Cramer (in Brzoska's Centralbibl. 1838. H. 1. S. 155), Folgen-des:Diesor innige Zusammenhang und die stete Wechselwirkung zwischen Pädagogik und