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10 (1848) [Not - Pra]
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434
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434 Pädagogik.

Geselligkeit ist^). Ueberhaupt bestimmt die Erziehung in den allermeisten Fällenden Geist und das Gemüth für das ganze Leben. Sie bewirkt es, daß er gedankenlosund roh bleibt, oder Eullur annimmt; daß er eine ungebundene Lebensart lieb gewinnt,oder sich an eine feste Lebensvrdnung und an Unterwerfung des Willens unter Gesetze ge-wöhnt; daß er an zweckmäßiger Thatigkeit Vergnügen findet, oder daß er alle Anstren-gungen des Geistes und Kvrpe.s verabscheut; daß sich die Gefühle der Liebe gegen Eltern,Geschwister und Verwandte, die nachher zu einer Liebe gegen Vaterland und Menschheiterweitert werden, entwickeln, oder daß sein Herz von diesen Gefühlen leer bleibt; daß erentweder ein Sklave der Begierde nach Genüssen wird, oder sich diese zu versagen vermag;daß für ihn beständige Neuerungen im Leben ein Bedürfnis werden, oder daß er dieseil Jahrhunderten geltenden Sitten seines Volkes beibehält; daß er der Ehre und den An-strengungen für Staat und Religion, Kunst und Wissenschaft einen Werth beilegt, oderdagegen gleichgültig bleibt. Eben so ist es Thatsache der Geschichte, daß die Erziehungselbst Dasjenige, was der menschlichen Natur ursprünglich ganz zuwider ist, durch Ge-wohnheit zuerst erträglich, nach und nach aber angenehm und zuletzt zum unentbehrlichenBedürfnisse gemacht hat. Allerdings kann sie die höheren, angeborenen Anlagen oderTalente des Genies so wie des Enthusiasmus, wodurch das Größte in der Geschichte derMenschheit bewirkt worden ist, weder erschaffen noch ersetzen; aber es ist doch noch keinBeispiel vorhanden, daß in einem Menschen ohne alle Erziehung jene höherenNaturgaben zur Entwickelung oder Aeußerung gekommen wären, und wenn sie bei einerunvollkommenen Erziehung dennoch schon Großes bewirkt haben, so bleibt immer nochdie Wahrscheinlichkeit, wo nicht Gewißheit, daß sie bei einer vollkommneren noch unend-lich mehr geleistet haben würden. Wir finden sogar ein Beispiel in der neuern Geschichte,daß die bloße Ecziehung allein alle übrigen Mittel und Hebel für eine höhere, wahr-haft menschliche Cultur ersetzt und Alles, was aus der bloßen Civilisation in dieser Bezie-hung hervorgegangen ist, weit übertroffen hat, nehmlich das Beispiel sogenannter Wilderin Nordamerika, über deren Zustand der Engländer Hunter so wie der deutsche Mis-sionär Heckewelder (welcher über 20 Jahre unter ihnen lebte) die merkwürdigstenNachrichten mitgetheilt hat^). Kurz, die Erziehung ist die wichtigste Ange-legenheit, die es überhaupt in der Menschenwelt und somit auch im Staatsleben giebt;daher schon Sokrates sie alseinen göttlichen Beruf und die Berathung übersie als die heiligste von allen bezeichnete ^). Eben so zeigt Platon, daß esnichts Göttlicheres gebe, worauf der Mensch seine Aufmerksamkeit richten müsse,alsseine und derSeinigen Erziehung, gegen welche alle übrigen Bestrebungen oderVorschriften gering zu achten wären und durch welche allein auch die Staats Ver-fassung ihre wahre Basis für eine geeignete Entwickelung und Vervollkommnung er-halte In gleichem Sinne erklärt Aristoteles die Erziehung für die wichtigste

27) Fries, Handbuch der psvch. Anthropologie'II. S. 170. Vergl. G. E. Schulze,Psych. Anthropologie S. 516. (eck. 3.)

28) Heckewelder's Schrift ist unter dem Titel: Nachricht von der Geschichte, denSitten und Gebräuchen der indianischen Völkerschaften in Pennsylvanien, in Göttingen 1826übersetzt erschienen. Vergl. Schulze, Psych. Anthropologie S. 12 (sei. 3), woselbst esheißt:Ihre Religion ist frei von allem Aberglauben so wie von allen Fabeln über die Ent-stehung der Welt und über das Wirken Gottes in der Natur und wird auch nicht durchPriester erhalten, sondern nur durch die Macht der Erziehung. Diese Indianer lebenferner in gesellschaftlicher Verbindung zu einem Gemeinwesen, aber ohne ein geschriebenesund bürgerliches Gesetzbuch und ohne eine durch Geburt oder Wahl bestimmte Obrig-keit, und dies wird gleichfalls durch die Erziehung bei ihnen bewirkt." Aus Hun-ter's Schrift findet sich das Wichtigste ausgezogen in Vollgraff's Politik Bd. I. S.11 ff. Vergl. auch v. Ga gern, Resultate der Sittengeschichte Bd. III. S. 29. (eck. 2.)

29) Vergl. Platon's Dialoge Charmides und Theages; Le nophon, Dlemor. 1. 6.in 6ns. Cramer, Geschichte der Erziehung und des Unterrichts (1838). II. S. 225.

30) Vs rep. lib. VI., <ie Is§. lib. I. II. VI. Cramer a. a. O. S. 300. Vergl.Al. Kapp, Platon's Erziehungslehre (1833). S. 17.