428 Pädagogik.
Gegensätze gegen die unabsichtlichen und zufälligen Einwirkungen der äußeren Natur undder Lebensschicksale, welche ebenfalls oft einen sehr bedeutenden bildenden Einfluß haben;aber nur im weiteren Sinne als erziehende Potenzen bezeichnet werden können. (Da-hin gehört z. B. Montesquieu's bekannter Ausspruch: daß wir heut zu Tage dreiverschiedene, einander wohl gar zuweilen ganz zuwiderlaufende Erziehungen erhrlten,die im Hause der Eitern, die auf Schulen und die in der sogenannten großen Welt,welche letztere gemeiniglich Alles, was in den beiden ersteren gelernt worden, wieder überden Haufen werfe") ^). Im engsten Sinne endlich wird die Erziehung nur auf jenebildende absichtliche Einwirkung auf das menschliche Leben während der Periodeder Jugend oder Unm ündigkeit beschränkt, und demgemäß ist die Pädagogikdie Wissenschaft und Kunst, durch eine planmäßige oder methodische Einwirkung, vor-nehmlich mittelst des Unterrichts oder der Belehrung so wie der Gewöhnung, des Wett-eifers und des Beispiels, die Jugend ihrer allgemein-menschlichen so wie volksthüm-lich-politischen Bestimmung entgegenzuführen. Die Frage, ob man bei diesem eng-sten Begriffe der Erziehung immer stehen bleiben müsse, mithin blos die Jugend alsObject der erziehenden Thätigkeit ansehen dürfe, oder ob man sie auch auf Erwachsene aus-zudehnen berechtigt sei? — ist noch als streitig anzusehen und wird, da sie für dasStaatsleben von der größten Wichtigkeit ist (indem von ihrer Entscheidung die Berech-tigung oder Verwerflichkeit der sogenannten Staatspädagogik im engeren Sinneabhängt), weiter unten näher erörtert werden. Im Allgemeinen führen wir nur noch an,daß in dem Begriffe der Erziehung überhaupt theils das Hauptmerkmal einer höherenEntwicklung, als ohne dieselbe stattgefunden haben würde, mithin das Merkmal derVervollkommnung liegt (worauf auch die Etymologie hindeutet) ^); theils das Merk-mal der Einwirkung einer schon gebildeten Vernunft auf eine noch unentwickelte, welcheletztere aber doch schon als Vernunft überhaupt, als eine mit bestimmten angeborenenAnlagen, namentlich mit dem Vermögen der Willensfreiheit und Selbstständigkeit, sowie dem Streben nach dem Höheren begabte Individualität anzusehen; daherauch schon während jener Bildungsperiode als Person oder Selbstzweck zu respeclicenund nicht als bloße Sache oder Mittel für fremden Zweck zu misbrauchen ist. Vermögedieses leitenden Grundgedankens und der richtigen Ansicht vom Wesender Vernunftsind sofort alle verkehrte Versuche und Meinungen der Pädagogen und Pädagogiker (auchder politischen Gewalthaber) ausgeschlossen, welche der pädagogischen Kunst oder Wissen-schaft eine Art göttlicher Schöpferkraft beilegen, Alles aus Allem zu machen (wieerst neuerdings noch Jacotot), oder welche, mit Verkennung des Princips der Selbst-thätigkeit und Individualität, die Erziehung in eine bloße Dressur oder Abrichtungverwandeln und Alles über Einen Leisten schlagen wollen, oder auch (wie die Jesuiten) dieAufklärung und Bildung nur bis zu einem gewissen Grade befördern ; ferner die Ver-kehrtheit Derjenigen, die (nach dem Principe des Bevormundungssystems und des Auviel-regierens) in den nur zu häufigen Fehler des Auvielerziehens verfallen und den
3) Oe I'ssprit <les loi«. IV. 4.
4) Petri bestimmt in seiner Uebersicht der pädagogischen Literatur (Leipzig 1807)Th. I. S. 113 den Begriff, der in dem Jeitworte ziehen liegt, auf folgende Weise:„Ziehen kann wohl in Hinsicht auf seinen Gegenstand (objectiv) nichts Anderes als all-mälige Ausdehnung und Verlängerung einer körperlichen Substanz, in Hinsicht auf seinewirkende Ursache (subjektiv) nicht mehr oder weniger bedeuten, als gleichmäßiges Fortsetzeneiner Krastäußerung (Bewegung) zur Ausdehnung, Verlängerung, und wenn sie durch Ver-nunft geleitet wird, Vervollkommnung eines Gegenstandes." — Die Sylbe „er" inerziehen ist, wie in anderen Wörtern, z. B^ erbauen, errichten u. dergl. m., das alte kel-tische „ar", d. h. hoch (s. Eberhard Gruber, Synonymik des Aaar und Erbauung,vergl. Scheidler, Paränesen. I. S- XIV.); mithin ist Erziehen immer als ein Empor-ziehen anzusehen. — Unsere Sprache unterscheidet auch sehr richtig zwischen bloßem Auf-ziehen, welches nur auf die physische Erhaltung oder Pflege des Körpers gerichtet istund daher nur von Thieren und Pflanzen gebraucht wird, und zwischen Erziehen undAuferziehen, welches Beides nothwendig immer eine Bildung des Geistes mit ein-schließt. Vergl. Eberhard Gruber's Synonymik über „Erziehen" (II, 329 eä. 3),Auch der Unterschied zwischen Erziehen und Verziehen gehört hierher.