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Oesterreichische Provinzen. Böhmen.
Bezirke slavische Volksschulen, und olle höheren Unterrichtsonstolten Lehrstühle für sla-» vische Literatur und Sprache. Nack) dem Allen haben die Vorfechter des Ezechenthums,unter denen Graf L e o von Thun aus deutschem Stamme.Einer der eifrigstenist, nur die eine gegründete Beschwerde, daß die slavische Landessprache nicht auch inden mittleren Lehranstalten Berücksichtigung finde. Diese Beschwerde ist aber allerdingswichtig genug, da gerade in den Mittelschulen der ganze Beamten - und Lehrerstand seineVorbildung erhält und hiernach die Verpflichtung der Studirenden zur Erlernung des^ Czechischen nicht selten eine unerfüllte Hoffnung bleiben mag. Die Schilderung der fak-tischen Verhältnisse, wie sie Graf Thun gegeben, mag also in der Hauptsache ganz rich-tig sein. Wer seit Joseph i >. mehr als blos Schreiben und Lesen lernen wolle, werdeetwa vom 10. Jahre an, verstehe er gleich kein Wort deutsch, in den städtischen (Haupt-)Schulen, in den Gymnasien und an der Universität in Hörsäle versetzt, wo er nur deutschreden höre, nur deutsch antworten dürfe, neben etwas Latein nur deutsch lese, schreibeund denke. Lange genug fortfahrend lerne der Schüler ordentlich deutsch; sonst er-hasche er. nur einige deutsche Worte, bilde sich aber jedenfalls nicht in der czechischenSprache aus. Darum sei vor etwa dreißig Jahren fast kein Gebildeter in Böhmen, mit Aus-nahme einiger Philologen, dieser Sprache mächtig gewesen; den Vornehmen sei dasEzechische großentheils ganz fremd geworden, und selbst der Bauerssohn, wenn er ausstudirt,habe stets schlechter als sein Vater czechisch gesprochen. Hiernach sei das Deutsche in der Un-terhaltung der Gebildeten wie in allen Kreisen des Geschäftslebens herrschend geworden,bis zum Wiederaufblühen einer czechischen Literatur in der jüngsten Zeit. Auf der an-dern Seite ist indeß nicht zu verkennen, daß in einem Lande, wo solche Zustände feitJahrzehnten bestanden und hiernach die zum Lehramte an den Mittelschulen Befähigteneine wesentlich deutsche Bildung erhalten haben, der slavischen Sprache der Mehrheit nur' sehr allmälig, vorerst nur in einzelnen Mittelschulen rein czechischer Bezirke, einige
^ weitere Concessionen gemacht werden können. Darum ist auch der Regierung, welche
die neueren Bestrebungen einiger slavischen Schriftsteller nicht blos nicht gehindert,sondern unterstützt hat, aus den in Böhmen noch bestehenden Verhältnissen des Unterrichtsin Beziehung auf Sprache nicht geradezu ein Vorwurf zu machen, wohl aber habendeutsche und slavische Böhmen in gleicher Weise Ursache zu gerechter Beschwerde über dasvon der Regierung überhaupt befolgte System der geistigen Absperrung und Hemmung.
Seit dem Wiedererwachen des czechischen Volksgefühls mußten sich gerade die Ge-bildeteren, von denen diese Bewegung ausging, mit lebhafteren Sympathieen allen Re-gungen des slavischen Volkslebens auch bei den sprachverwandten Stämmen zuwenden.Freilich ist es erklärlich genug, wenn die Ezechenfreunde jede Andeutung auf eine möglicheNeigung zu einem Panslavismus unter russischer Aegide ernstlich zurückweisen. Indessenist in Prag nach russischer Literatur viel Begehr; viele junge Leute sind des Russischenmächtig und ziemlich zahlreich sind die Auswanderungen der jungen Doctoren der Medi-cin nach Rußland, wo sie als Slaven besonders willkommen sind. Bei einem Besuchedes Kaisers Nico laus I. in Prag überreichten ihm einige Bewohner der Stadt eineDenkmünze mit slavischer Inschrift, eigens für dieses slavisch wichtige Ereigniß geprägt^).Einige czechische Gelehrte, wie wenige es seien, haben dem russischen Autokraten ihreWerke gewidmet und dafür die sichtbaren Zeichen seiner Huld empfangen. Auch ist be-kannt genug, wie die in allen auswärtigen Beziehungen so feine und so rastlos thätige- Politik des Petersburger Cabinets, während sie alles vorzeitig Auffallende zu vermeidensucht, doch jede ihr entgegenkommende Sympathie zu nähren und sich anzuketten weiß.Dennoch darf man der Versicherung vollen Glauben schenken, daß bis zur Stunde imkatholischen Böhmerlande keine Partei besteht, welche das Gelüste hätte, sich vonDeutschland und der höheren westeuropäischen Eultur loszureißen, um sich unter irgendeiner Form, sei es auch die einer scheinbaren Unabhängigkeit und Selbstständigkeit, derrussischen Barbarei in die Arme zu werfen. Aber bei veränderter Sachenlage könntenwohl auch in Böhmen unter dem leicht entzündlichen und zu Illusionen geneigten Sla-
9 ) Kohl a. a. O. I. 208. 224.